Fang an und bring es zu Ende

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Wie fängt man am besten an? Vielleicht so: Im Frühjahr 1967 gab ich ihm das erste Mal die Hand.[i] Erstaunlich, wie eine kleine Geste ein ganzes Leben verändern konnte und über den Tod hinaus in der Erinnerung haften blieb.

Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb.[ii] Er ging ohne berühmte letzte Worte. Die Nellie, eine seetüchtige Segeljacht schwoite ohne das leiseste Flattern der Segel vor ihrem Anker und ruhte aus.[iii] Das Schiff war sein einziges Vermächtnis an uns Kinder.

Im Begriff, ans Werk zu gehen und mit der Schilderung der merkwürdigen Ereignisse zu beginnen, die sich erst unlängst in unserer bis dahin noch durch nichts aufgefallenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich infolge meiner schriftstellerischen Unerfahrenheit gezwungen, etwas weiter auszuholen und einige biographische Angaben über den talentvollen und hochverehrten Stepan Trofimowitsch Werchenowenskij vorauszuschicken.[iv] Um es kurz zu machen, er war der größte Geschichtenerzähler, den ich kannte.

Ich erinnere mich genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der vergessenen Bücher mitnahm.[v] „Such dir eines aus. Es wird dein Leben verändern. Aber nur, wenn du ihm den Weg zu deinem Herzen öffnest.“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen.[vi]

Der erste Schnee: In diesem Jahr fiel er Ende November.[vii] Bald würde er schmelzen und erst im Sommer wiederkommen. Verfluchter Klimawandel.

Es war Arbeitsstunde.[viii] Mir raucht(e) der Kopf.[ix] Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt und hoch über ihm wehte der Wind durch die Wipfel der Kiefer.[x] Manchmal tat er auch gerne nichts.

Normalerweise sorgten die Zweige dafür, dass er immer wieder zurückkam – zurück zum Zirkus und zurück nach Indien.[xi] Als junger Mann trat er gern als Zauberer auf und dies, obwohl er gar nicht zaubern konnte. Doch wie gesagt, mein Vater war ein Geschichtenerzähler und er konnte über Dinge, von denen er nichts verstand so sprechen, dass andere meinten, er hätte sie erfunden. Mit der Magie war es nichts anderes.

Man möchte meinen, er hätte seine Entscheidung etwas früher treffen und seine Umgebung netterweise auch davon in Kenntnis setzen können.[xii] Aber so plötzlich wie er kam, so plötzlich verabschiedete er sich auch wieder.

Schon früh hatte ich in meinem Leben eines gelernt: Jedem Flusskiesel ist die ganze Geschichte des Kosmos eingeprägt.[xiii] Wenn du nur aufmerksam lauschst, erhascht du vielleicht das ein oder andere Kapitel.  Das Ende bleibt dennoch bis zum Schluss verborgen.

Die Geschichte meines Vaters schaukelte vor mir im Wasser.

„Mein ganzes Leben bin ich mir anderer Zeiten, anderer Orte bewusst gewesen.“[xiv], pflegte er zu sagen. Nur damals, als er Mutter kennen lernte, schien es anders. Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen.[xv]

Ich starrte auf das Schiff.[xvi] Dies war ein denkwürdiger Tag, da er gewaltige Veränderungen in mir bewirkte.[xvii] Von nun an war ich auf mich alleine gestellt.

Nenn mich meinethalben Ismael.[xviii] Oder Ahmed. Mate, Stefan oder Jürgen. Der Name war nicht wichtig.

Als ich durch die Bücherreihen schritt und nach den passenden Anfängen suchte, wurde mir etwas klar. Eine Geschichte zu beginnen, war nicht schwer. Die wahre Meisterschaft bestand darin, sie auch zu zu beenden. Mein Vater wusste das.

Ich legte das Buch, das ich mir ausgesucht hatte, zurück ins Regal und verließ den Friedhof. Es war Zeit, eine eigene Geschichte zu schreiben. Eine,  die den Worten meines Herzens einen Weg nach außen öffnete und mein Leben veränderte. Es war nicht wichtig, wie oder was du anfängst, dachte ich. Hauptsache, du fängst an und bringst es dann auch zu Ende. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.*


[i] Paul Auster: Unsichtbar.
[ii] Jurek Becker: Bronsteins Kinder.
[iii] Joseph Conrad: Herz der Finsternis.
[iv] Fjodor Mihailowitsch Dostojewski: Die Dämonen.
[v] Carlos Ruiz Zafon: Der Schatten des Windes.
[vi] Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts.
[vii] John Updike: Gegen Ende der Zeit.
[viii] Gustave Flaubert: Madame Bovary.
[ix] Jostein Gaardner: Der Geschichtenverkäufer.
[x] Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt.
[xi] John Irving: Zirkuskind.
[xii] Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.
[xiii] Hikaru Okuizumi: Das Gedächtnis der Sterne.
[xiv] Jack London: Die Zwangsjacke.
[xv] Martin Walser: Ein liebender Mann.
[xvi] Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon.
[xvii] David Nichols: Zwei an einem Tag.
[xviii] Herman Melville: Moby Dick.
*Sven Regener: Herr Lehmann.

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