Besser ein Wort zu viel als Schweigen

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Als wir neulich im Auto nach Hause fuhren, fragte mich meine Freundin: „Glaubst du, die Menschen um uns herum sind glücklich?“ Keine leichte Frage an einem verkaterten Sonntagnachmittag. Vor uns versperrten drei, vier Krankenwagen die rechte Spur. Ein Unfall musste sich ereignet haben.

„Ich weiß nicht!“, sagte ich und dachte darüber nach, welchen Eindruck meine Freunde und Familie auf mich machten.

Mein Cousin aus Kroatien kann wegen seinem Tinnitus nachts nicht schlafen. Er hat Herzrasen und Zukunftsängste. Wenn er aufhört zu arbeiten, fängt seine Familie an zu zittern. Am Telefon klingt er verzweifelt, aber auch hoffnungsfroh. Er freut sich auf den Sommer, der Winter drücke seine Stimmung.

Ein Freund und seine Freundin haben sich nach langer Beziehung getrennt. Kurz davor sind sie zusammengezogen und haben sich verlobt. Die Hochzeitsgäste standen auch schon fest. Als wir ein Bierchen trinken, redet er recht sachlich darüber. „Wir haben uns auseinander entwickelt, der Alltag war zum Schluss zu verwickelt. Mir geht es gut, so ist es das Beste.“ Ich glaube ihm. Da draußen gibt es bestimmt eine Andere, die besser zu ihm passt. Und ein Anderer zu ihr.

Ein Freund arbeitet gerade sehr viel. Er kommt jeden Abend als letzter aus der Agentur und in der früh geht er als einer der Ersten wieder rein. Wenn ich ihn frage, wie es ihm geht, sagt er, „passt schon.“ Abends ist er oft müde, noch etwas zu unternehmen. Er ist seit einem Jahr Single. Er liebt seine Arbeit, sonst würde er es nicht machen. Aber langsam wäre er auch offen für etwas Neues. Beziehungstechnisch gesehen.

Es gibt Paare, die verzweifelt versuchen, Eltern zu werden. Es klappt bei ihnen nicht so leicht wie bei mir und meiner Freundin. Wenn ich ihnen begegne, habe ich das Gefühl, dass sie uns unser Glück nicht gönnen. Es ist aber auch schwer, sich für andere zu freuen, wenn man selbst gerade leidet. Wir unternehmen lieber etwas ohne sie. Sie unternehmen gern viel ohne uns.

Eine Bekannte hat neulich ihr Baby verloren. Es war plötzlich nicht mehr in Ordnung. „Nichts war mehr in Ordnung“, schrieb sie in ihrem Blog. Und sie fühle sich schuldig. Ihr Verlust kommt mir oft in den Sinn die letzten Tage. Vielleicht weil ich empfinden kann, wie das wäre, wenn. Den Gedanken denke ich nicht zu Ende.

Der Vater meiner Schwägerin hat vor ein paar Monaten einen Schlaganfall erlitten. Seitdem ist er einfach nicht mehr so wie früher. Nichts ist mehr so wie früher und es steht in den Sternen, ob es wieder besser wird. So wie früher ist aber vorbei. Für immer.

Im Netz herrscht immer gute Laune. Instagramm-Fotos von strahlenden Sommertagen, nackten Füßen auf Karibikstränden, tiefer gelegten Autos in Tiefgaragen, das Mittagessen mit Steinpilzen zu Abend, Pleiten-Pech-und-Pannen-Posts, Gute-Laune-Lieder, Schlechte-Laune-Lieder, die gute Laune bringen, Parodien auf Gute-und-schlechte-Laune-Lieder, die ein Like erzwingen.

Es gibt auch diese Selbstporträts mit komisch ernst schauenden Gesichtern, bei denen du das Gefühl bekommst, da ist grad jemand sehr mit sich selbst beschäftigt. Was gut ist, wenn am Ende was Gutes dabei raus kommt. Bei manchen kommt nur das Ende dabei raus.

Manchmal wache ich auf in der früh und möchte am liebsten liegen bleiben. Es gibt keinen ersichtlichen Grund dafür.

Ich lebe mit einer Frau zusammen, die mich liebt und die ich liebe und als Produkt unserer Liebe bekommen wir ein Baby, das wir hoffentlich genauso lieben werden wie uns.

Das Kinderzimmer ist bereits rosa gestrichen, mit Yoga und Sport bekomme ich meine Rückenschmerzen in den Griff und die meiste Zeit beschäftige ich mich mit Sachen, die mich glücklich machen. Trotzdem ist das Glück, was ich in einem Moment empfinde, im nächsten schon wieder weg und über mein Gemüt legt sich eine Melancholie, die sich nicht in Worte fassen lässt. Meist, wenn ich zu lange alleine bleibe.

Um zu den Trüffeln zu gelangen, muss das Schwein sich erst durch den Dreck wühlen. So ist das wohl auch mit dem Glück. Oder sagen wir mal der eigenen Zufriedenheit. Vielleicht muss das so sein, damit es spannend bleibt. Das Leben ein ständiges Auf und Ab. Dauerhaftes Glück ist auf Dauer eh langweilig und niemand möchte gern gelangweilt werden. Anders herum ist Unglück, Leid und Unzufriedenheit auch nur ein Zustand, der vorüber geht. Gehen sollte.

Ein Tal, das durchschritten werden muss.
Ein Tal, das wichtig ist, um die Aussicht auf dem Gipfel wieder genießen zu können.

Beide Autos liegen kopfüber und völlig demoliert am Straßenrand. Das Blech der Dächer bis zur Motorhaube eingedrückt.

Ich erinnere, wie ich mich damals auch überschlagen habe und kopfüber in Scherben lag. Dachte, es sei vorbei. Meine Rettung war, dass ich mich kurz vorher angeschnallt hatte. Davor fuhr ich ohne Gurt, aber der Polizist bei der  Verkehrskontrolle meinte, „Schnallen sie sich lieber an, Herr Tabula.“ Vielleicht musste das so sein, damit ich jetzt diese Zeilen schreibe.

Ich habe keine Ahnung, ob ihr wirklich glücklich seid oder nicht. „Ich weiß es wirklich nicht, Liebste.“, sage ich, „aber mir ist aufgefallen, dass Menschen, die miteinander reden glücklicher sind als solche, die alleine vor sich hin schweigen.“

Dann fuhren wir nach Hause, um die Katze zu streicheln und eine Runde Sopranos zu schauen. Ich glaube am Ende des Tages hatten die meisten von uns es doch ganz gut erwischt irgendwie. Der Rest war Schicksal und Einstellungssache.

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