Als Mensch bist du mir lieber

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Ich bin heute aufgewacht mit einem richtig tollen Gefühl. So richtig selig, euphorisch und ausgelassen. Wir haben einen neuen Papst und ab sofort wird alles besser.

Die S-Bahn hat keine Verspätung mehr und ist auch nicht mehr überfüllt. Wir stehen nie wieder im Stau und wenn, laufen im Radio nur coole Lieder, so dass wir es gerne tun.

Um Gehaltserhöhungen brauchen wir nicht mehr zu bitten. „Wir haben jetzt einen neuen Papst!“, wird euer Chef im nächsten Morgenmeeting verkünden, „und er hat entschieden, unsere Gewinnmarge zu senken und dafür die Gehälter der Mitarbeiter zu erhöhen.“ Die Sonderaufgaben und die Überstunden fallen auch weg. Nie wieder am Wochenende arbeiten. Juhu.

Wir werden im Konferenzraum unsere Knie auf den Teppich senken und unsere Hände zum Gebet falten. „Danke, oh Herr!“, werden wir sagen. „Danken Sie nicht mir, danken sie dem neuen Papst“, wird der Chef mit zerknirschtem Gesicht erwidern. Ach, Freunde. Die nächsten Wochen werden herrlich.

Der Frühling wird kommen, die Sonne scheinen, die Vögel zwitschern. Ihr werdet sehen. Der neue Papst wird es richten. Keine Knöllchen mehr an falsch geparkten Autos, keine Schlangen mehr in den Supermärkten, beide Pfandflaschenautomaten funktionieren und jede Pfandflasche wird angenommen, auch die aus dem Ausland. Auch die aus dem nichteuropäischen Raum. Hauptsache katholisch.

Die Milchpreise werden sinken, es werden nur noch glückliche Kühe auf den Feldern grasen, Hühner werden nur noch Bio gehalten und das wird man den Eiern auch anschmecken.

An allen Kassen des Einzelhandels wird es keine Punkte mit Payback mehr geben, sondern Prozente mit dem Rosenkranz. Wer das Vaterunser fehlerfrei aufsaugt, bekommt eine Flasche Rotwein gratis in die Tüte. Der neue Papst macht es möglich.

Die Hundehaufen im englischen Garten, die Pädophilen aus den Gemeinden, die paar Prozente der FDP werden alle wie von Zauberhand verschwinden, der F.C.Bayern wird Bundeskanzler und deine Freundin/dein Freund/deine Geliebte/dein Lover/die Mutter deines besten Freundes wird dich immer ranlassen.

In den Fußgängerzonen werden Kondome für alle verteilt. Und wenn alle nicht da sein können, um die milde Gabe zu empfangen, gibt es für den Rest am nächsten Morgen die Pille danach. Schwule und Lesben werden heiraten dürfen. In der Kirche. Und in Pink.

Einzig um die deutsche Fußballelf mache ich mir ein wenig  Sorgen. Der neue Papst, Franziskus, der Erste, ist Argentinier und Blut ist nun mal dicker als Wasser. Aber vielleicht werden wir alle Weltmeister. Weltmeister der Herzen. Ich freu mich drauf.

„Aber, Liebster, warum freust du dich denn drauf?“, fragt meine Freundin.
„Na, weil wir einen neuen Papst haben. Also wir. Wir Katholiken.“ Ich zeige ihr stolz mein goldenes Kreuz, dass ich schon seit Geburt um meinen Hals trage.
„Ja, aber du bist doch aus der Kirche ausgetreten.“, sagt sie.
„Ja, und? Was hat mein Glaube damit zu tun?“
„Du wirst von den Vorteilen, die du gerade aufgezählt hast, nicht profitieren. Das dürfen nur die, die auch brav ihre Kirchensteuer zahlen.“

„Du meinst, ich bekomm auch weiter Knöllchen fürs Falsch parken, die Hundehaufen im Stadtpark bleiben und der F.C.B. wird nicht Bundeskanzler im Herbst?“ Ach, scheiße, nee. So kurz vorm Glück.

„Ja, aber wenigstens…“, beginne ich zaghaft, „…habe ich dich und du profitierst doch davon.“
„Aber, Liebster, ich bin doch evangelisch.“
„Und der neue Papst, gilt der nicht auch für euch?“
„Nein, wir Evangelen haben keinen Papst.“
„Ja, aber dann wird es höchste Zeit, dass ihr auch einen kriegt. Ist doch cool, so ein Papst. Und ihr seid doch auch ein wenig liberaler. Den weißen Rauch, den könntet ihr von paar Kiffern aus Amsterdam produzieren lassen. Damit dann lustige Rauchzeichen aus dem Schornstein steigen, um die Wahl ein wenig medienwirksamer zu inszenieren und den Dialog mit der Jugend zu stärken oder so.“

„Bloß nicht.“, sagt sie. „Ein Grund mehr, noch heute auszutreten.“ Sie bittet mich, nachher die Spülmaschine auszuräumen und die Wäsche aufzuhängen. Ich steige aus dem Bett und meine gute Laune ist weg. Alles also beim Alten. Wozu der ganze Hype?

Ich überlege, wenn ich schon nicht von den Neuerungen des neues Papstes profitieren darf, sollen wenigstens andere von meiner gesparten Kirchensteuer profitieren. Ich spende für eine Organisation, hinter der ich wirklich stehe. Wie schaut es bei dir aus? Und freust du dich auch auf das nächste große TV-Ereignis?

 

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