Du bist wie für mich gemacht

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Jetzt also Salzburg. Mein Bruder, seine Frau, mein bester Freund, seine Freundin, meine Liebste und ich fahren ein wenig Kultur tanken. Ein Geburtstagsgeschenk zu meinem Dreißigsten, der schon eine Weile her ist.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir den Ausflug noch machen und mir insgeheim gewünscht, weiterhin als zwölfjähriger Träumer durchzugehen, der tief in seinem Herzen glaubt, noch ein wenig zu wachsen und die eins achtzig zu erreichen. Doch nein.

Die Freundin meines besten Freundes erinnerte sich an das Geschenk und bestand darauf, dass der Trip steigt, bevor die kleine Marie schreit. Samstagmittag fahren wir los. Mit einem X5 Richtung Österreich, hin zu Mozartkugel, Salzburger Nockerln und Stiegl Bier.

Die Hinfahrt verläuft ruhig und entspannt, ohne große Turbulenzen. Die zwei Vollbremsungen, die der Freund hinlegt und damit unser aller Gesundheit aufs Spiel setzt, möchte ich hier unerwähnt lassen.

Per Mehrheit wird entschieden, dass ich nach wie vor der schlechteste Autofahrer von uns allen sei und ein Neuwagen bei mir eine reine Fehlinvestition wäre. Ich stimme entschieden dagegen, doch meine Liebste nickt schüchtern mit und flüstert: „Du hast andere Qualitäten.“

Zum Beispiel Sachen verlieren. Während wir über die A8 den Irschenberg passieren, denke ich über gestern nach. „Bitte verlier sie nicht, ja?“, sagte meine Freundin noch, als ich aus dem Auto stieg und meinte damit ihre MVG-Monatskarte.

Ich stelle mir vor, wie ich irgendwann in Zukunft in irgendeinem Kaufhaus unser Kind verlieren werde und dann die Durchsage höre: „Der kleine Mate möchte bitte zur Zentralkasse kommen. Seine vierjährige Tochter Marie wartet auf ihn.“ Natürlich weiß sie da schon über mich Bescheid. Und wenn nicht, hilft die Hundemarke um ihren Hals.

Das menschliche Hirn überhört gern das Nein

Am Ziel angekommen, checken wir im Hotel ein. Während die Anderen die Übernachtung zahlen, es ist mein Geburtstagsgeschenk, reiben meine Liebste und ich unsere schwangeren Bäuche aneinander und summen dazu „The Girl from Ipanema.“ Tüm dü dü dü, tüm tüm dü dü dü und so weiter.

An der Salzach entlang spazieren wir zum Cafe Sacher und speisen dort, typisch für Wien, eine Sachertorte, trinken einen Verlängerten, einen Umgedrehten, einen großen Braunen und wie sie alle heißen.

Wir fragen die Bedienung, ob sie uns erklären kann, was ein karamellisiertes Krautfleckerl sei. Sie meint gerne und erklärt, „Das ist ein Krautfleckerl, das karamellisiert ist.“

Na gut, Zeit zu gehen, denken wir und ich erzähle wieder von gestern. „Liebst du mich?“, frage ich sie also und „vertraust du mir?“ „Aber, was ist den los?“, fragt sie erschrocken zurück. „Beantworte mir zuerst die Fragen.“ Kurzes Schweigen, unwissende Blicke. „Ja und ja.“ „Dann äußere in Zukunft deine Wünsche an mich immer positiv, ja?“ Das menschliche Hirn überhört gern das Nein.

In der Getreidegasse fotografieren wir uns vor Mozarts Geburtshaus und einen kurzen Augenblick später steh ich alleine da. Alle anderen gehen auf die Suche nach etwas Konsumierbaren. Mein Bruder und seine Frau ins Schuhgeschäft, die Freundin meines Freundes ins H&M, er ins SPAR und meine Liebste magisch angezogen von einer schwangeren Schaufensterpuppe sucht im Benetton.

Ich verweile mitten in der filmreifen Kulisse einer sehenswerten Stadt und beobachte das Geschehen um mich herum. „Nichts ist so aufreizend wie die Gelassenheit“, sagt Oscar Wilde und die neun Meter hohe Installation am Residenzplatz nickt zustimmend; eine goldene Weltkugel, auf der ein Mann steht, in Hemd und Anzughose. Entspannt lässt er die Arme an den Seiten baumeln und blickt in die Ferne.

Am Abend speisen wir im „Schloss Aigen“, einem gehobenen Gasthaus mit gehobenen Preisen und dem Motto „Rindfleisch aus Tradition“. Aha. Bekommt man hier extra altes Rindfleisch serviert oder was soll das heißen?

Wir trinken Zweigelt, essen Tafelspitz, Kalbsleber, Rindszunge und lästern über die, die nicht mit uns am Tisch sind. Fremde wie Freunde.

Nach dem Dessert und dem Schnaps, meine Mäzene zahlen, rufen wir Zoran, unseren serbisch-orthodoxen schwäbisch-kroatischen Taxifahrer mit oberösterreichischem Dialekt. Er hat uns bereits hergefahren. „The Girl from Ipanema“ wird durch „Sag mir quando, sag mir wann“ als Ohrwurm ersetzt.

Obwohl mein Bruder das unbändige Verlangen hat, in „Die Burg“ zu fahren, entscheiden wir uns dagegen. Vielleicht, weil seine Frau droht, ihm den Kopf abzureißen. Vielleicht, weil „Die Burg“ ein Swinger-Club ist. Vielleicht, weil wir dafür doch noch ein wenig zu jung und verliebt sind.

Bevor wir überhaupt die Zeit haben, darüber nachzudenken, woher mein Bruder weiß, was „Die Burg“ ist, landen wir im „Pepe“, einer Cocktailbar für angeblich ältere Semester. Wenn Achtzehn bis Zwanzigjährige in diese Kategorie fallen, dann stimmt das.

Zwei Cocktailrunden später versprechen wir meiner Schwägerin, unsere kleine Tochter mit zweiten Namen nach ihr zu benennen. Aber nur, wenn sie an ihrem Geburtstag geboren wird, dem 30. Mai.

Ich betone, dass ich kurz vor oder nach Mitternacht des 30.Mai die Uhr auch nach oder vor stellen werde. Meine Schwägerin bedankt sich dafür. Wozu? Ich tue das nur, damit die kleine Marie nicht nach ihr heißt.

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Ich bin dabei. Du bist dabei. Wir sind dabei, uns zu verlieren.

Auf dem Heimweg essen wir Bosna im Weckerl, pinkeln freihaltend gegen Zäune von Ärztevillen, stellen unsere leeren Bierflaschen in leere Fahrradtaschen ab und verabreden uns für morgen um elf an der Rezeption. Wir wollen hoch auf die Burg. Die echte Burg über der Stadt.

Am Ende gehen wir wieder ins Cafe Sacher und passen auf unsere Geldbörsen auf. Denn, so warnt das Schild an der Tür, „Wo sich Menschen ansammeln, lauert der Dieb!“ Unter Schafen gibt es ja auch nix zu holen.

Nach dem Mittagessen, bummeln wir kurz durch die Stadt, kaufen in einem Laden für Weihnachtsschmuck Ostereier für zehn Euro das Stück und fahren nach Hause. Im Auto hören wir „Gewinner“ „Liebeslied“ und „Ein Kompliment“ von Heino.  Als mein bester Freund „Papaya“ von Marcus Alexander laufen lässt, droht seine Freundin, ihm den Kopf abzureißen. Sie will das neue Lied von Justin Timberlake hören. „Eine kleine Nachtmusik“ will keiner.

Da erzähl ich das mit der Karte zu Ende. „Sag nicht mehr, ‚bitte verlier die Karte nicht’, sondern ‚pass gut auf sie auf.’“, sagte ich, aber meine Liebste erteilte mir eine Lektion in der Macht des Perspektivenwechsels.

„Ach Liebster, ist doch halb so schlimm. Betrachte es lieber so, dass du dem, der die Karte gefunden hat, eine große Freude gemacht hast.“ Andere Frauen hätten mir womöglich den Kopf abgerissen. Diese Frau ist wie für mich gemacht, dachte ich.

„Du bist wie für mich gemacht.“, sagt sie, als wir daheim ankommen und unsere Bäuche aneinander reiben. Kurz überlege ich, ob Marie U Ana auch ein schöner Name wäre und was Mozart gesagt hätte, dass solche Kulturbanausen wie wir durch seine Stadt flanieren. Aber dann wiederum. Vielleicht hätte er sich ja mit uns auch ein Stiegl geteilt und gegen Zäune von Ärztevillen gepinkelt. Danke für die schöne Zeit und tüm dü dü dü, tüm tüm dü dü dü.

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3 Gedanken zu “Du bist wie für mich gemacht

  1. Ein bezaubernder Erlebnisbericht. Ich dachte auch gleich an Salzburg zurück 66 und ob es mir gelingen würde,auch so unbeschwert über ein paar unglaubliche Erlebnisse zu schreiben. Ich rede ziemlich viel und gern und die Erlebnisse gereichen immer zu einem ungewöhnlichen Vortrag.
    Also, der Reisebericht war sehr unterhalt. Vielleicht wird ja doch noch was aus ihnen?
    Tüm dü dü dü
    Beste Grüße, Lewi

    • Hallo Lewi,

      vielen Dank für den netten Kommentar. Es freut mich, dass Ihnen/dir der Reisebericht gefallen hat. Ich glaube, man kann aus allem Erlebnissen was Schönes und Unterhaltsames schreiben, ob Gedicht und Kurzgeschichte. Wichtig ist, dass man dran bleibt und täglich seine Wörter aufs Papier bring. Damit aus einem ja auch mal was wird, hehe

      Schöne Grüße Mate

      • Hallo Mate, fast jeden Tag gibt es etwas, was man für sich und für die Anderen schriftlich festhalten kann. Ich erzähle meine „Geschichten“ die oft einen wahren Hintergrund haben, am liebsten in Gedichtform.Die Hoffnung, daß „aus mir mal,was wird“ war stets vergebens,wie mir meine Eltern und meine Großmutter ständig vesdichert haben. Trügerisch, was sich in diesem Hirn angesammelt hat. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hoffe, ich lese jetzt mal bald wieder einen kleinen Tatsachenbericht von Mate.
        Herzliche Grüße, Lewi

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