Bleib bestimmt vielleicht dran

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Jetzt mal ganz ehrlich, dieser Text lohnt sich für dich. Lies ihn bitte bis zum letzten Absatz. Wort für Wort. Am Besten langsam. Denn langsam ist er auch geschrieben. Deine Lektüre wird am Ende belohnt. Nein, wirklich. Also bereit? Dann los…

Du wachst auf und checkst deine Mails. Außer der üblichen Werbung bezüglich Penisvergrößerung und Potenzsteigerung durch Viagraimitate liegt nichts Bedeutendes im Postfach.

Du machst den Wasserkocher an, holst eine Tasse aus dem Küchenschrank, legst den Teebeutel in die leere Tasse und wartest, bis das Wasser kocht. Das Buchenmuster der Schränke fasziniert dich.

Zur Sicherheit checkst du noch mal deine Mails. Im Postfach herrscht status quo. Halt. Jemand interessiert sich für die alte Couch. Ist sie noch zu haben, fragt er. Klar, ist sie noch zu haben, antwortest du. Die Kirchenglocken läuten acht.

Du gehst auf Facebook, scrollst die Pinnwand runter, belanglose Banalitäten buhlen um dein Like. Der Tee aktiviert deinen Verdauungsapparat. Du gehst ins Bad.

Die Tasse Tee und das Smartphone nimmst du mit. Du sitzt, scrollst, berührst, tippst, wischst und betätigst zum Abschuss die Spülung.

Du legst dich auf die Couch. Morgen kommt die Neue. Blickst auf den Fernseher an der Wand, trinkst einen Schluck. Die Fernbedienung daneben flüstert, „Drück mich.“ Du widerstehst. Verschnaufst. Nicht jetzt.

Dein Rücken schmerzt. Du stehst auf und breitest die Yogamatte aus. Streckst Arme und Beine, dehnst deine Muskeln, achtest auf deinen Atem, kickst die Katze, die um deine Beine streift. Ganz sanft und liebevoll, und natürlich im Tempo deines Atems.

Ihre Haufen im Garten müssen weg. Nachdem der Schnee schmolz, traten sie zum Vorschein. In kurzer Hose und T-Shirt, Pantoffeln gehst du heraus, bewaffnet mit Frühstücksbeuteln. Frühjahrsputz ist angesagt. Die Haufen im Garten müssen weg. Die Katze verwechselte Schnee mit Streu.

Stück für Stück klaubst du das Kot auf und fragst dich, wer eigentlich Herr und Gebieter, wer eigentlich Haustier und Diener ist. Schwere Gedanken an einem leicht beschwingten Frühlingstag. Hinfort. Autos rauschen über das rauhe Pflaster, auf der Kastanie tummeln sich zwitschernde Zeisige. Du gähnst, deine Augen tränen, du gähnst noch mal. So ist es richtig. Lass es raus, Tiger. Gähn die Müdigkeit heraus, du Tier. Gähn, gähn, gähn. Oh ja, das tut gut, jetzt fühlst du dich besser.

Der Nachbar geht an der Hecke vorbei. Du grüßt nicht. Wer zuletzt grüßt, hat die Hosen an.

Back on track schäumst du mit deinem Duschgel das Katzenklo ein. Quasi Revier markieren. Der Geruch verführt dich, selbst ein Bad zu nehmen. Du tust es. Warum auch nicht? Du liegst gut in der Zeit.

Vorher checkst du noch kurz deine Mails. Eine Nachricht von Dr. Hassan Achmed. Bankangestellter einer der führenden Banken Afrikas. Du sollst ihm helfen, fünfzehn Millionen Dollar auf ein europäisches Konto zu transferieren. Irgendwo nach Europa. Am Besten auf deins. Dir verspricht er einen Anteil. Warum auch nicht?

Nun bekommst du Hunger, der Kühlschrank ist leer, der Penny Markt nur einen kurzen Fußmarsch entfernt. Zwei Semmeln, eine Breze, etwas Wurst, bisschen Käse und ein paar Rabattprospekte später sitzt du wieder am Küchentisch, frisch geduscht und munter, belegst eine Semmel, trinkst noch einen Tee. Währenddessen hörst du ein Hörbuch. „Der Koch“ von Martin Suter. Die Kirchenglocken läuten zehn.

Nun kann es losgehen. Volle Motivation voraus, volles Engagement am Start. Doch vorher noch kurz Martin Suter googeln. Auf youtube findest du ein Interview mit ihm. Er redet langsam. Sehr langsam. Von einem Schweizer erwartest du auch nichts…, ach, lassen wir das.

Das Video zieht sich. Während du es weiter laufen lässt, checkst du noch mal schnell die Mails. Der Couchinteressent, Meri, hat sich noch mal gemeldet. Er schreibt, „Super!“ Wann könne er die Couch besichtigen? Du antwortest, „Prima!“ Wie wäre es mit heute bis 21 Uhr? Später sei Nachtruhe. Kurz überlegst du, ob du ihm auch gleich die Adresse schreibst und wo er klingeln soll. Aber nein. Das kostet zuviel Energie. Wenn er sie will, schreibt er dir. Und du antwortest einfach noch mal. Immer schön eins nach dem anderen nämlich.

Du öffnest ein leeres Word-Dokument. Uff. Alles leer, Kopf kaputt. Was sind denn heut eigentlich die Schlagzeilen des Tages? Hugo Chavez tot. Der Arme. Dortmund weiter. Spitze. Berlusconi Bunga Bunga, bla bla bla. Du verlierst dich und checkst noch mal ganz fix deine Mails.

Die Wickelkommode, die du abbestellen wolltest, wurde bereits an die Spedition geliefert. Vielleicht kann der Hersteller den Vorgang noch rückgängig machen, schreibt Frau Tine Ringele. Du antwortest ihr, vielen Dank für die Mühe, Frau Ringele und lassen sie sich von den Kunden nicht stressen. Gibt Wichtigeres zu erledigen. Herzliche Grüße.

Du übermittelst Dr. Hassan Achmed deine Kontodaten und liest die neue Mail von Gina Rinehart. Das ist eine Dame, die behauptet, „a great citizen of Australia“ zu sein. Sie hat irgendwie eine Mission und zweihundert Millionen Dollar, die sie für wohltätige Zwecke spenden möchte. Prima. Du übermittelst auch ihr deine Kontodaten, als sich auf einmal dein schlechtes Gewissen zu Wort meldet.

Was hast du bis zu diesem Zeitpunkt gemacht, schießt es dir durch den Kopf. Also, was genau, um genau das nicht zu machen, was du dir eigentlich vorgenommen hast. Oder anders gefragt: Was hast du heute unternommen, damit dieser Vormittag/Nachmittag/Tag der geilste deines Lebens wird?

Nicht viel mehr als bewusst im Augenblick

Gerade, als du loslegen willst, läuten die Kirchenglocken zwölf. Um eins kommt ein Freund. Ihr wollt im Olympiapark laufen. Warum auch nicht? Draußen scheint die Sonne, die Katze liegt auf ihrem Schemel und hat alle Viere von sich gestreckt. Sie wirkt wie tot. Du glaubst, die entspannteste Katze der Welt zu haben. Oder ist sie wirklich gerade gestorben? Schade, wenn. Vielleicht kann man das übrige Futter und Streu bei ebay versteigern.

Vielleicht klappt das ja auch mit der Kohle vom Dr. Achmed und dieser großartigen Lady aus down under. Vielleicht muss ich dann auch gar nicht mehr täglich schreiben oder einen weltumspannenden Agendaplan ausarbeiten, wie ich mir meinen Platz in der Gesellschaft sichere. Vielleicht streich ich das „muss“ aus meinem Wortschatz. Vielleicht auch das „vielleicht“.

Noch ein kurzer Schluck Tee. Meri meldet sich noch mal wegen der Couch. Schreibt, dass sie gerade auf Krücken läuft und erst nächsten Dienstag wieder ein Auto hat. Die Arme. Kein Problem, antworte ich, ich hab am Dienstag Zeit, aber nur bis 21 Uhr. Dann kuschel ich mit meiner Liebsten auf der neuen Couch. Bis dahin gute Besserung. LG.

Was sollst du da noch mehr schreiben? Hast du es bis hier geschafft? Na, dann, herzlichen Glückwunsch. Zur Belohnung darfst du jetzt den Fernseher anmachen. Besser wird es heute nimmer.

Aber was ich eigentlich sagen wollte, Motivation ist generell schwierig und irgendwer muss schließlich auch die Kacke aus dem Garten räumen. Heute waren es 1133 Wörter. Und morgen geht bestimmt wieder mehr. Ganz bestimmt sogar. Oder anders gesagt: wer weiß, vielleicht auch nicht. Wichtig ist, dass du immer schön dran bleibst. Konzentriert und so. Ok?

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