Ich liebe dein ICH auch ohne Schminke

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Stephen Kings Mutter sagte immer zu ihm: „Stephen, wenn du ein Mädchen wärst, wärst du ständig schwanger.“ „Warum das denn?“, fragte Stephen King verwundert. „Na, weil du immer jedem gefallen möchtest.“

Ich ertappe mich dabei, dass ich genauso bin. Zum Glück habe ich in solchen Situationen immer Kondome dabei. Man kann nie wissen, wie weit Emanzipation und westliche Medizin vorangeschritten sind.

Als Baby, kaum aus dem Mutterbauch heraus, blies ich meine Backen extra dick auf, damit die Hebamme nicht anders als rein kneifen und seufzend meiner Mutter ins Ohr säuseln konnte:
„Was für ein zauberhafter Wonneproppen. So ein süßes Baby habe ich noch nie entbunden.“

Im Kindergarten zeigte ich mich von meiner mondänen Seite und sang kroatische Liebesschlager, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Natürlich lag das auch daran, dass ich noch kein Deutsch konnte. Das lernte ich erst mit halb sieben, aber egal.

Den anderen Kindern gefiel mein Sprech. Ich brachte Exotik in die Pumuckl-Gruppe. Und Čevapčići mit Đuveđreis auf den Speiseplan, der von Weißwürsten, Brezn und Schweinebraten nur so triefte.

Während der Pubertät gestaltete sich das „Beliebt sein“ schwerer. Ich versuchte es mit kiloweise Haargel und coolen, übergroßen Hosen, die ich nur kniehoch trug. So wollte ich von meinen Pickeln ablenken und meine modischen Designer-Boxershorts zur Schau stellen, die mir meine Mama gekauft hatte. Im Sonderangebot natürlich.

Bestimmt hätte ich das ein oder andere „Wow!“, „Krass!“ und „Toller Typ!“ mehr abgeräumt, wenn mir nicht mein südländisches Temperament im Weg gestanden wäre/hätte. Wie gesagt, mit halb sieben, Freunde.

„Mann, coole Hose, ist die von Carhartt?“, fragte ein Schulkamerad einmal während der Bio-Stunde bei Frau Walther.
„Ja, aber das d am Ende spricht man stumm.“, sagte ich zu ihm und biss in mein Čevapčići wie andere in ihre Banane.
Er schaute auf das Label, dass meine rechte Kniescheibe modisch verdeckte.
„Aber da ist doch gar kein d am Ende.“, bemerkte er.
„Weißt du was, du Wurm? Deine Klugscheißerei geht mir auf die Eier. Kauf dir doch einfach ne´ Levis, klar?“ zürnte ich und schmiß ihm das halbe Čevapčići ins Gesicht.
Im Zimmer roch es ein bisschen nach Gammel.

An der Uni wurde es dann mit meinen Gemütsausbrüchen besser und ich lernte, mich gewählter auszudrücken. Das brachte mir einen Job als Texter in der Werbung. Die ersten Tage fühlte ich mich wie Alice im Wunderland.

Meine Ideen, mein Scharfsinn, ICH (groß geschrieben) konnte ganzen Zielgruppen gefallen. Ja, ganz Deutschland, wenn es gut lief. Aber, oh nein. Es lief nicht gut. Ganz im Gegenteil.

Die Anonymität und der gemeine Konsens machten mir zu schaffen. ICH wollte gefallen, koste es, was es wolle. Aber nicht mit Ideen für Produkte, die mir nicht gefielen und die MICH nicht zu erkennen gaben.

Ich startete einen Blog, auf dem ich begann, MEINE Texte zu veröffentlichen. Matysplanet.com. Seitdem kontrolliere ich alle halbe Stunde die Seitenstatistik und meinen Status auf Facebook. Einfach, um zu sehen, wie viele Besucher ich habe und wer meinen aktuellen Artikel alles liked. Die rote Eins über der Weltkugel ist für mich wie eine Heroinspritze für einen Junkie. Sobald sie ausbleibt, fängt das große Zittern an. Eine Qual.

Meine Freundin tröstet mich immer: „Ach, Liebster, was ist denn nur los mit dir? Du bist gut und hast Talent. Mir gefallen deine Geschichten.“

Das „Unlike“ lauert an jeder Ecke

Für eine Weile beruhigt mich diese dreiste Lüge und ich beginne zu glauben, ich könnte es wirklich schaffen, clean zu bleiben und mich von meinem Leid zu befreien.

Aber wenn ich dann erstmal zu Penny gehe und das Abendessen einkaufe, Weißwürste, Brezn, Schweinebraten oder Lasagne mit Pferd, fangen die Qualen von vorne an.

Die Kassiererin, eine dicke Frau mit rosa Bäckchen, roten Haaren und dezentem Schweinchengesicht mag mich nicht. Ich spüre das und merke, wie ich daran zu Grunde gehe.

Jeden Tag stelle ich mich in die Schlange und versuche, ihre Gunst zu gewinnen. Ich beginne mit Smalltalk und frage sie, wie es sich denn heute so scannt. Ich mache ihr Komplimente und sage, dass ihre Bäckchen heute ganz besonders rosa schimmern. Oder, dass sie die schnellste Kassiererin der ganzen Welt sei.

„Haben sie heute schon die Lasagne vorbei galoppieren sehen? Das Tiefkühlfach war leer, hehe!“, reiße ich halbkomische Witze, über die nur die anderen halbschlauen Käufer in der Schlange lachen.

Von Frau … (leider kann ich nie ihr Namensschild lesen, sonst hätte ich sie doch schon längst gegoogelt, um mehr über ihr Leben zu erfahren) ernte ich nur ein müdes Lächeln. Zum Abschied gibt es nicht einmal ein „Servus.“ Und das, obwohl ich jedes Mal den Betrag aufrunde und sage: „Weil es so fix ging.“

Heute stand ich wieder an der Kasse. Wie in den guten, alten Zeiten hatte ich mir eine Tube Gel in mein schütteres Haar geschmiert. Ich übte, meine Bäckchen aufzublasen. Vielleicht würde sie reinkneifen und mir sagen, wie süß ich sei oder so.

Aber da geschah es. Als ich an der Reihe war, scherzte sie mit dem Mann vor mir und strich sich mit der rechten Hand die rot schimmernden Haare nach hinten und ich erhaschte kurz ihr wahres Ich.

Die wenigsten gefielen anderen, ohne dass sie sich dabei mit billigem Puder oder Tonnen Haargel selbst verdeckten. Hinter ihrem geschönten Status versteckten. Als ich die Wahrheit erkannte, sah ich wieder klar.

„Schöne Frisur!“, lächelte sie mich an. „Steht ihnen echt gut. Brauchen sie eine Tüte? Geht heute auf mich, Süßer.“

„Schieben sie sich ihre Tüte in den Arsch, sie dumme Nudel, sie.“, sagte ich und warf ihr das verpackte Kondom ins Gesicht. „Männer können nach wie vor nicht schwanger werden.“

Ich zog meine Jeans von den Knien zu den Hüften hoch und verschwand durch die sich elektrisch öffnende Schiebetür. Die verdutzte Kassiererin blickte mir mit ihrer Fratze zurück. Das Clownsgesicht aus „ES“ war ein Praktikant dagegen.

Draußen schneite es. Ein Bus fuhr vorbei und ich atmete seine Abgase ein. Ah, die schöne Stadtluft. Zeit, für einen anderen Supermarkt und das Abendessen für meine Liebste. Sie liebte mich, wie ich war und was durfte ein kleiner Junge auf der großen weiten Welt mehr erwarten. Ende.

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