Deine Verkleidung sieht so echt aus

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Vorwort
Es war beschissen kalt und überall lag Schnee. Er fuhr zum Postamt, um das Buch abzuholen, auf das er seit Tagen sehnsüchtig gewartet hatte. Weit und breit kein Parkplatz. „Verdammte Axt,“ fluchte er und fuhr dabei beinahe eine gebrechliche Omi um. Zum Glück erwischte er nur ihren Pudel. Die Oma weinte. Er reichte ihr ein Taschentuch und bemerkte lakonisch. „Seien sie froh, dass sie es nicht waren.“

Kapitel 1
Das Postamt hatte geschlossen. Wegen „der tollen Tage“ hieß es an der Tür. Diese verfluchten Arschgeigen, dachte er. Als ob sie sonst nicht schon genug Däumchen drehten hinter ihren Schaltern. Es war Faschingsdienstag und etwas faul im Staate… Menschen verkleideten sich, um wenigstens einmal im Jahr die zu sein, die sie gerne wären. Hexen, Clowns, Mönche und Cowboys. Angela Merkel. Angela Merkel? Wie gesagt, etwas war faul im Staate…

Kapitel 2
Im Supermarkt begegnete er einem Indianer und einem Piraten. „Schleicht euch, ihr Narren!“, sagte er wütend und jähzornig, als sie ho ho hoten, ah ah ahten und fragten, ob sie in der Schlange vor ihn dürften. Nein, durften sie nicht. Das Kostüm des barmherzigen Samariters verstaubte im Kleiderschrank.

Kapitel 3
Die Frau an der Kasse trug ihre blonden Haare zu einem Zopf gebunden, ihre smaragdgrünen Augen schimmerten im uringelben Neonlicht wie die Sonne über dem azurblauen Meer an einem windstillen Sommertag. Es war eine Wonne, andächtig und demütig ihren Handbewegungen zu folgen, lackierte Fingernägel mit kleinen rosa Herzen verziert, und den rhythmischen Klängen zu lauschen, welche sie hervorzauberten, als sie die Bioeier, die Bananen und die 5-Liter-Flasche Absolute Vodka über den sensiblen Scanner schob. Jetzt sterben und man wäre tot.

Kapitel 4
Manchmal fragte er sich, ob die Mitarbeiter der Post geklont waren und dabei das vereinte Erbgut der langsamsten Schnecken der Welt zum Einsatz kam. Plötzlich hielt er inne. Sollte er diesen letzten Satz nicht doch lieber streichen? Das ganze Kapitel vielleicht? Am Ende verklagten ihn noch die langsamsten Schnecken der Welt wegen Diskriminierung. Und das nur wegen einem Vergleich, der hinkte.

Kapitel 5
Die Hölle brach aus. Die Katze hatte ihr Gekautes erbrochen. Zum wiederholten Male. „Ach, du fette Nutte, jetzt schlägt es langsam dreizehn. Gleich zeig ich dir, wo der Bartel den Most holt und wer hier die Hosen anhat, du kleine Muschi, du!!!“, schimpfte er verbittert.

Kapitel 6
„Zefix, a weda ist heit“, hörte er einen Bayern fluchen, als ein Sachse in eine Matschpfütze stieg. „Ei verbibscht, ja so ei Dreck!“, sagte er. „Wenns Ärschle brummt, ischs Herzle gsund“, versuchte ein Schwabe dem Ganzen was Gutes abzugewinnen. Der Kroate erinnerte alle daran, wo sie eigentlich herkamen. „Pička vam materina, odjebite!“ Er wollte doch nur „Elmore Leonard´s 10 Rules of Writing“ endlich in seinen Händen halten.

Kapitel 7
Die Schlange vor der Postfiliale war so lang wie die Ewigkeit. Welche Idioten nur stellten sich kurz vor Feierabend an, um ihre Päckchen abzuholen? Upps. Auch du, mein Sohn und wer im Glashaus sitzt,…Demütig blickte er nach oben. Vergib mir, oh Herr, aber das Buch. Ich will doch nur lernen, besser zu werden.

Kapitel 8
Die Lektüre dauerte keine fünf Minuten und war eine einzige Enttäuschung. 90 Seiten, auf einer Doppelseite stand meist nicht mehr als ein Satz. Der Rest war leer. Da hatte das Marketing saubere Arbeit geleistet. Solche Bücher konnte er jeden Tag produzieren. Er überlegte, sich beim Verlag zu beschweren und nach Männern in gelben Schutzanzügen zu fragen. Sie sollten kommen und die weißen Stellen mit Worten füllen. Mit Bedeutung. Mit Sinn. Vielleicht könnten sie dabei auch gleich klären, warum die Cola in der Flasche immer so arg schäumte.

Kapitel 9
Das folgende kannst du überspringen, wenn du willst:
„Never open a book with weather. Avoid Prologues. Never use a verb other than „said“ to carry dialogue. Never use an Adverb to modify the verb „said“. Keep your exclamation points under control. Never use the words „suddenly“ or „all hell broke loose“. Use regional dialect, Patois sparingly. Avoid detailed descriptions of characters. Don´t go into great detail describing places and things. Try to leave out the part that readers tend to skip.“ Wenn du nichts verstanden hast, der „Google Translator“ hilft dir.

Epilog
Bei genauerer Betrachtung hatte er alles falsch gemacht, was er nur falsch machen konnte. Warum war all das verboten, was ihm so viel Freude bereitete? So würde das nie was werden. Er schmetterte das Buch in die Ecke und schnürte seine Springerstiefel. Seine Prosa dankte es ihm. Draußen war es glatt und rutschig. Richtig schreiben lernte man auf der Straße, dachte er und die Omi freut sich bestimmt über ein neues Paar Pudel. Er freute sich auch, denn für ein glückliches Ende war es nie zu spät. Man brauchte nur ein bisschen Masquerade. Mal sehen, was im Hasenbergl so abgeht.

In eigener Sache: Versteigere das Buch „Elmore Leonard´s 10 Rules of Writing“ an den Meistbietenden. Gebote unter 39,99 Euro werden ignoriert. Wenn du die Geschichte gelesen hast (vor allem Kapitel 9), wirst du es wahrscheinlich eh nicht brauchen, aber vielleicht inspiriert es dich ja auch. Hier übrigens das komplette Buch als Artikel: http://www.nytimes.com/2001/07/16/arts/writers-writing-easy-adverbs-exclamation-points-especially-hooptedoodle.html

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