Googel auf keinen Fall das Testergebnis

Kampf um Teutonia. Illu: Andreas Fisser.

Ein Baby machen ist das eine. Geht ganz leicht. Ein Akt von höchstens, also höchstens 5 bis 10 Sekunden. Wenn es hoch kommt. Und da rechne ich jetzt nicht das Vorspiel von 20 Sekunden mit. Da brauchst du auch kein Abitur dafür, nicht mal Schulabschluss. Von Bio-Stunden ganz zu schweigen.

Aber einen Kinderwagen kaufen ist eine ganz andere Nummer. Andere Straße, anderes Viertel, anderes Land. Bunga Bunga ohne Gummi grüne Kleeblattwiese.

Um einen Kinderwagen zu kaufen, brauchst du mindestens zwei Staatsexamen in Recht und einen Abschluss in Literatur. Soft Skills wie Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft mitgerechnet. Und selbst dann könnte das noch schief gehen.

Weil man Schwiegerpapa in spe uns zu Weihnachten was Gutes tun wollte, hatte er uns einen Kinderwagen geschenkt. Ein ultrarobustes, tonnenschweres Gerät vom Feinsten war das. Es bestand aus einem stabilen Gerüst zum Klettern, Hartschale, Softschale, Bananenschale und großen, dicken Luftreifen. Ein Reifen war so groß wie das Riesenrad auf dem Oktoberfest. Ich sage euch, damit hätten wir ohne Mühe das Matterhorn erklommen.

Das war der Geländeflitzer unter den Kinderwagen. Ich suchte schon nach dem Tank und fragte mich, was wohl die KFZ-Versicherung dafür kosten würde. Natürlich übertreibe ich, der Schwiegerpapa hat es ja nur gut gemeint. Sagte dann auch die Verkäuferin, als wir das Teil zurückgaben.

Einen Wagen, der eine Tonne wog, vollgetankt werden musste und nicht im Babyfachmarkt gekauft wurde, konnten wir nicht gebrauchen. Das Leben war schon kurvenreich genug, schwenkbare Vorderräder waren ein Muss.

„Meine Eltern haben damals vor 30 Jahren Kinderwagen und Bett für 40 Mark von den Nachbarn bekommen!“ sagte meine Liebste. Ja, damals. Damals war der Euro noch die Mark. Aber heute?

Heute hattest du die Qual der Wahl. Marken wie Quinny, Hartan, Hauck, McLaren, Bugaboo oder Teutonia buhlten um die Gunst der Eltern und du fragtest dich ganz kurz, ob das nicht doch die Charaktere der neuen Superheldenverfilmung waren, die gerade im Kino lief.

Bei Jette Joop warst du dir sicher. Ihre Wagen waren laufstegtauglich. Danach würde sich die Schickeria garantiert umdrehen. Und nun?

Deine Liebste will das Modell mit den schönen Blümchenmuster. Du willst das graublaue Unisex-Modell. Was, wenn wir einen Jungen kriegen? Aber Liebster, wir kriegen doch ein Mädchen. Ja, aber Liebste, was, wenn wir nach dem Mädchen einen Jungen kriegen, dann fährt der Kleine in einem Blümchenwagen durch die Gegend. Ja, aber Liebster, sei doch nicht so naiv. Wir kriegen bestimmt wieder ein Mädchen. Arrgh.

Dann, als du glaubst, das perfekte Fahrzeug für deinen Wonneproppen gefunden zu haben, googelst du das Modell noch mal schnell in deinem ultramodernen Smartphone und oh Schreck, bei Stiftung Warentest hat der Kinderwagen nur ein befriedigend. Quetschgefahr beim Zusammenklappen. Du findest ein anderes Modell und liest, bei Öko-Test durchgefallen. Zu viele Schadstoffe im Material. Auf der Teststrecke fallen beim dritten Modell die Vorderräder ab, die Stoßdämpfer versagen, der Handbremsenhebel bleibt an der Hand kleben. Verdammte Axt.

Dann siehst du ein weiteres Modell, du wähnst dich am Ziel, aber was ist das? Ein anderes werdendes Elternpaar schnappt dir dein Wunschobjekt vor der Nase weg. Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Du versuchst mit all deinem Charme den Mann zu überreden, um den Wagen Schnick, Schnack, Schnuck zu spielen, aber er schüttelt verständnislos den Kopf. Wir sind doch nicht im Kindergarten, meint er.

Sind wir doch, meinst du und greifst nach dem Wagen. Du zerrst daran. Er zerrt zurück. „Lassen Sie unseren Wagen los, Sie Schwein.“ eilt ihm seine Frau/Freundin/Geliebte zu Hilfe und schlägt mit der Handtasche nach dir. „Halt du dich da raus, du Miststück!“, schreit deine Liebste und wirft sich mit ihrem ganzen Kampfgewicht auf die Frau. Sie will diesen Kinderwagen um jeden Preis. Und wenn der Bausparvertrag deswegen draufgeht.

Heilige Maria, zwei Schwangere prügeln sich, denken die zwei werdenden Väter und halten kurz inne, um zuzuschauen. Um kurz darauf weiter an dem Wagen zu zerren. Kampf um Teutonia bis zum bitteren Ende. Als du das Gefühl bekommst, die Überhand zu gewinnen, schreitet die Verkäuferin dazwischen und zieht euch beide an den Ohren. Sie scheint genervt. „Schluss jetzt, Kinder. Wir haben das gleiche Modell noch im Lager.“ Halleluja.

Doch dann fällt dein Blick auf den Moon Air „Neil Armstrong“ Edition 2020 und um dich ist es geschehen. Mit integriertem Mondknopf für die reibungslose Lancierung, sportlichem Schleudersitz, voll automatisierter Einparkhilfe, Xenon-Scheinwerfern, Navi und GPS-Peilsender, damit dass Kind, nachdem du es auf den Mond geschossen hast, auch sicher wieder nach Hause findet, hat er alles, was du dir je gewünscht hast, was ein Kinderwagen haben sollte. Das Ganze für schlappe 89.999 Euro. Ade Bausparvertrag, sogar Porschefahren ist billiger, gut dass ihr studiert habt. Genau den nehmen wir.

„Sagen Sie mal…“, sagst du zur Verkäuferin, „…möchten Sie nicht unser junges Glück…“, du streichelst den Bauch deiner Liebsten,“…eine erfolgreiche Rechtsberaterin und einen arbeitslosen Möchtegernschriftsteller beim Eltern werden unterstützen und ein bisschen was am Preis schrauben. Also nach unten. Na, wie sieht es aus, Schätzchen?“

Die Verkäuferin kriegt einen roten Kopf und schnaubt. Oh, oh, oh. Sie hat endgültig die Schnauze voll von dem ganzen Scheiß, tagaus, tagein, werdende Eltern sind die Hölle. Sie drückt den Mondknopf, weil sie schon immer sehen wollte, was passiert, wenn… kawumm.

Schwerelos schweben deine Liebste und du durchs Weltall. Neben euch Meteoriten, die auf die Erde stürzen. Ihr seht den „Großen Wagen“. Und den Polarstern. Na, das fängt ja gut, denkst du. Dabei ist euer kleines Mädchen noch gar nicht geboren. „Vielleicht hätten wir doch den von deinem Papa behalten sollen.“, meinst du, als das große graue Schweigen unerträglich wird. „Ach hör doch auf, du Looser und besorg mir gefälligst Essiggurken. Ich hab Hunger. Sofort!“, sagt sie. Essiggurken? Aber welche? Du blickst dich um, suchst nach deinem Smartphone, willst Essiggurken googeln, aber dann…unendliche Leere…

 

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