Es wird Zeit, deine Spuren zu hinterlassen

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Der Schnee liegt hoch gehäuft im Garten, aber ich hör ihn schon schmelzen. Er schwindet dahin. Die Energie der Sonne ist stärker. Das spürt auch die Katze. Sie traut sich heraus und tapst mit ihren Tatzen ihren Abdruck in das Weiß.

Es ist Winter und bald Weihnachten. Ich mache im Adventskalender, den mir meine Liebste geschenkt hat, mein 12. Türchen auf. Bratapfel mit Vanille in Schoko verbirgt sich dahinter. Dazu trinke ich einen leicht gesüßten Kaffee und lausche friedvoll dem Röhren des Kühlschranks. Stiller Kühlschrank, heiliger Kühlschrank, alles schläft, nur du röhrst einsam.

Seit 5 Tagen habe ich nichts geschrieben und das ist seit August die längste schreiblose Zeit bisher. Ein bisschen Ausruhen war in Ordnung, aber in diesen letzten Tagen spürte ich wieder das Ungleichgewicht in meiner linken Seite. Nun versuche ich zu ergründen, was es damit auf sich hat.

In der Nacht träumte ich intensiv von der Kasse. Wie ich dahinter stehe und die Schlange davor nicht abreißt. Kurz vor Ladenschluss steht Horst Seehofer vor mir und will drei sündhaft teure T-Shirts kaufen. Ich frage nicht weiter nach und will nur weg. Aber die Kasse stürzt ab und ich kann nicht weiter. Vielleicht aus Versagensangst, die uns alle plagt?

Als ich noch in der Werbung war, träumte ich von Headlines und Slogans. Ich stellte mir vor, wie ich vor dem Monitor sitze und panisch in die Tasten tippe, um endlich die passenden Worte in die richtige Reihenfolge zu zimmern. Einmal sollten es Wahlsprüche für die CSU werden – mein erster Kunde, für den ich eigenverantwortlich war.

In diesem Traum wollte ich aus dem Fenster springen, weil mir einfach nichts Politisches einfallen wollte. Ich wollte fliegen vor der schwarzen Bestie, aber das Schlimme war, ich konnte nicht. Auf der Straße über dem Asphalt war ein riesiges Trampolin gespannt. Es trug das Logo der CSU. Darunter stand in Großbuchstaben: Mate, hier könnte dein Slogan stehen.

Ich wachte auf und neben mir
schnarchte Horst Seehofer.

Als ich in der Gaststätte meiner Eltern regelmäßig bediente, träumte ich von einem übergroßen Saal mit prunkvoll gedeckten Tischen. Ich stand allein und verlassen und die Gäste strömten alle auf einmal rein. Jeder wolte seine Bestellung aufgeben, doch ich hatte keinen Kellnerblock, mein Kugelschreiber streikte. Ich warf Teller zu Boden, Tabletts mit Getränken und bewegte mich von Tisch zu Tisch so lahm wie eine Schnecke, die Sekundenkleber schleimte. Ich wachte auf und Horst Seehofer neben mir auch. Ob ich ihm ein Weißbier bringen könnte. Es war ein Traum im Traum. Ein Alptraum.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass all diese Träume mich warnen. Mein eigenes Selbst warnt mich, nicht das zu tun, was ich tun muss, sondern das zu tun, was ich tun will. Diese Träume leiten mich und manifestieren nicht die Angst, sondern den Wunsch vor dem Versagen. Den Wunsch, in dem, was ich nicht will zu scheitern, um in dem, was ich will, zu bestehen.

Eine ganze Weile habe ich das immer falsch interpretiert, weil mir alle anderen immer gesagt haben, das sei normal, solche Sachen zu träumen. Aber ich bekomme langsam das Gefühl, dass es das nicht ist und beginne klar zu sehen. Die Sonne scheint und der Schnee schmilzt. Das erste Mal seit 5 Tagen schreibe ich wieder und die Katze auf ihrem Schemel beobachtet mich dabei. Sie wirkt zufrieden und ich bin es auch. Es wird Zeit, einen Spaziergang zu machen, im Schnee zu tapsen und der Welt seinen eigenen Abdruck zu hinterlassen.

Meine linke Seite kommt zur Ruhe, mein Herz tanzt rhythmisch zum Takt des Füllers, der sanft über das weiße Papier streicht und seine blauen Spuren hinterlässt. Ich fühl mich gut dabei und Horst Seehofer kann mich mal.

 

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