Lass dir nicht das Hemd anziehen

Jede Idylle findet ihr Ende. Siehe Adam und Eva und Paradies. Da scannst du noch fröhlich und selig Töpfe, Teller und Pfannen und plötzlich schlängelt eine Schlange an der Kasse vorbei. Du lächelst verlogen freundlich wie du das so machst, wenn der Chef oder in dem Fall die Chefin vorbei geht, aber die hat nur eines im Sinn.

„Sagen Sie das auch ihrem Kollegen!“ höre ich den Abteilungsleiter dem Studenten sagen, der neben mir kassiert. In weißem Rip-Shirt und grünen Chinos übrigens. „Was sollst du mir sagen, was?“, frage ich neugierig und er schüttelt den Kopf: „Wir sind zu leger angezogen. Frau Piep besteht darauf, dass wir beim Arbeiten Hemden tragen.“

Mein erster Gedanke ist „Fuck you, Frau Piep!“ und die legendären Worte meines Vaters kommen mir in den Sinn: „Erst wenn das letzte Mitglied aus der Partei austritt, trete ich ein, denn dann weiß ich, dass die Partei was taugt.“ Viele der Festangestellten tragen auch keine Hemden.

Eine Bedingung beim Kaufhof als Aushilfe anzufangen war, ich darf in Alltagskleidung arbeiten. Mein Zugeständnis an den Dresscode, der Sonntagspulli würde es sein. Seitdem arbeitete ich montags, dienstags und donnerstags darin und abgesehen von paar Ketchup-Flecken auf dem Pulli, alles prima. Doch seit heute weht hier ein anderes Wind.

Auch nicht gut fürs Klima, warum sagt Frau Piep mir das mit dem Hemd nicht persönlich? Glaubt sie, ich hab Angst vor Schlangen, spricht sie nicht mit Aushilfen oder spricht sie etwa in einer Sprache, die ich nicht verstehe und braucht sie deshalb den Abteilungsleiter als Simultanübersetzer? Möglich.

Die Kollegen sprechen auch alle so komisch. Babylon Grundschuldeutsch. Eine typische Durchsage im Kaufhof: „Frau Müller bitte 328.“ Gestern sagte eine Kollegin zu mir, sie gehe schnell auf 17. 17, was? Auf Toilette, erklärte sie. Manchmal fühle ich mich wie beim Bingo hier.

Doch ich glaube ja, den wahren Grund für Frau Pieps Verhalten gefunden zu haben. Es ist ihre Leidenschaft für den Sadomaso-Bestseller „Shades of Grey“. Neulich habe ich sie in der Kantine darin rumblättern sehen. Ein kaltes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie mag es bestimmt zu befehlen und zu bestrafen. Und weil ich ein Angestellter bin, der seine Vorgesetzten glücklich sehen will, helfe ich ihr dabei.

Ab sofort bleibt der Sonntagsspulli daheim und ich ziehe nur noch meine Lieblingsshirts zum Arbeiten an. Natürlich ungebügelt. Die, auf denen witzige Sprüche drauf stehen. „I´ve got the black belt – in crazy“, „This Shirt would look great on your bedroom floor“ oder mein Favorit „Conserve Energy“ mit einem schlafendem Homer Simpson auf der Couch. Wenn ich das anhabe, werde ich besonders langsam die Artikel scannen, um Frau Piep so richtig in Erregung zu versetzen.

Meine Erlebnisse halte ich dann schriftlich fest und mit etwas Glück bringe ich sie unter dem Titel „The Shades of Kaufhof“ auf den Markt. Ein Kapitel handelt davon, wie ich das mit der 17 nicht kapiere und immer durch die Abteilung schreie, dass ich jetzt kurz zum Kacken gehe.

Das Buch wird natürlich Frau Piep gewidmet und sie bekommt es auch gratis signiert. Kaufen muss sie es trotzdem. Bei mir an der Kasse. Einfach, weil ich sie noch mal so richtig glücklich sehen will. Vielleicht trage ich dann zur Feier des Tages auch ein idyllisches Hemd. Aber nur vielleicht und falls alle meine Lieblingsshirts in der Wäsche sind. Noch Fragen, Freunde?

In eigener Sache: Ich trete am Donnerstag im Rationaltheater auf. Um 20.30 Uhr geht es los. Hesseloherstr. 18 Nähe Münchner Freiheit, Eintritt 7 Euro. Freue mich, wenn ihr kommt. Und für euch ziehe ich da sogar ein Poloshirt an.

 

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