Bei dir piept es wohl richtig

Such dir eine Arbeit, die du liebst und du wirst dein Leben nicht mehr arbeiten. Konfuzius. Ich arbeite gerade im Kaufhof an der Kasse. Abteilung Haushalt. Von Liebe keine Spur. Nicht mal ein Hauch von. Und, was macht ihr so?

Ich steh den ganzen Tag an der Kasse und schiebe Töpfe, Teller und Pfannen über den Scanner in die Tüte. Dazwischen piept es. Guten Tag. Piep. Piep. Piep. 13,79 bitte. Haben Sie eine Kundenkarte? Nein. Auch gut. Danke. 6,21 zurück. Ach, eine Frage. Schießen sie los. Wo haben sie den hier die Glühbirnen? Keine Ahnung, bei mir sind die Lichter noch an, hehe. Kleiner Scherz, bin nur die Aushilfe. Nichts für ungut. Schönen Tag noch. Yo. Ebenso. Auf Wiedersehen.

Das ganze gefühlte tausendmal am Tag. Aber hey, die Kunden, die wir bedienen, bringen uns das Gehalt, das wir verdienen. Steht in den Leitlinien. So ist recht. Immer schön lächeln, Mate. Schön lächeln und positiv ausstrahlen. Vielleicht schenkt dir ja jemand noch einen Glückspfennig. Äh, Cent natürlich. Das vermehrt deine Karmapunkte und wenn du genug gesammelt hast, gibt es vielleicht Milch zum Kaffee.

Ehrlich gesagt, manchmal denke ich ja schon zurück an meine Tage in der Werbung. Schönes Büro im Glockenbach, neuer Macbook Pro am Schreibtisch, 10 mal Kickern am Tag, Däumchen drehen, nichts können, fettes Gehalt kassieren, ständig coole Projekte, geile Ideen, dumm daher reden, heiße Luft produzieren und sich davon wärmen lassen. Ja, ja. Im Kopf wird die Erinnerung stets mit Buntstiften von Faber Castell ausgemalt. Piep. Kurze Preisabfrage. Gibt es übrigens für 5,95 bei uns. Schreibwaren sind im zweiten UG.

Der neue Job hat auch seine guten Seiten. Das Scannen der Artikel und die monotonen, sich ständig wiederholenden Sätze, die ich von mir gebe, beruhigen, Es ist wie transzendentales Meditieren. Ein „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ in Endlosschleife macht den Kopf herrlich frei. Gratis noch dazu. Schöne belanglose Gespräche mit alten Damen über den guten, alten Kaufhof, die kleinen Wehwechen des Alltags, grauer Star, Rheuma und Co., lassen einen erkennen, dass das eigene nichtige Dasein gar nicht mal so verkehrt ist.

Das Piepen des Scanners ist zwar nicht das der Vögel da draußen, aber mit ein bisschen Fantasie. Ob es draußen regnet, windet oder schneit, bei mir scheint immer Neonlicht. Das macht Freude, Freunde. Neulich flanierte eine kokette Lady an meiner Kasse vorbei. Sie lächelte mir zu, ich lächelte zurück. Wohl etwas zu lang und ausstrahlend. Ob ich mich für kosmische Energien und positiv aufgeladene Zustände interessiere. Ob ich offen für neue Erkenntnisse in der Bewusstseinerweiterung und bla bla bla sei. Ich hörte schon gar nicht mehr zu, so offen war ich bereits. „Klar, die Dame. Ich nehme alles, was ich kriegen kann. Sammeln Sie Herzen?“

Die Dame gab mir ihre Visitenkarte und der Herr hinter ihr meinte im Anschluss, er wähnte sich schon als Unterbrecher eines interstellaren Techtelmechtels. Ich antwortete: „Keine Sorge mein Herr, sie haben hier gar nichts unterbrochen. Alles geht perfekt weiter. Das einzige, was jetzt und hier zählt, sind sie und ich. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“

Ja, ja, so ist das. Für den Moment habe ich das Nirvana erreicht und liebe das, was ich gerade tue. Damit meine ich nicht die Arbeit an der Kasse. Die Arbeit ist die Arbeit ist die Arbeit. Wenigstens gaukelt mir hier keiner eine große Karriere vor. Worauf der Abteilungsleiter aber schon besteht, ich soll bitte zum Einpacken der Haushaltsware die Kunden nicht durchs ganze Kaufhaus an die Servicekasse im dritten Stock schicken. Das machen wir hier schon selber. Klar?

Klar ist das kein Job, den ich liebe, aber was viel wichtiger ist, es ist auch kein Job, den ich hasse. So gehe ich nach Feierabend heim und freue mich auf das, was wirklich zählt: Meine Liebste, einen vollen Kühlschrank und den entscheidenden Schliff, der das Ganze zu einer guten Geschichte macht. Und was macht ihr so? Pieeeeeeeeeep.

P.S. Falls ihr euch über die Illu wundert: Um nicht erkannt zu werden, arbeite ich mit roter Perücke, Ohrringen und Lippenstift um den Mund. Aber pssst.

 

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4 Gedanken zu “Bei dir piept es wohl richtig

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