Lüg mir die Wahrheit ins Gesicht

Die Wiesn ist schon etwas Besonderes. Die Atmosphäre, der Flair, die gebrannten Mandeln, der frische Radi, die reschen Brezn, die feschen Resis, die halb gefüllten Maßkrüge, die Blaskappellen, aus dessen Instrumenten Tiroler Sterne funkeln, die deinen Namen tragen und, und, und – so was gibt´s koa zweites Mal net. Außer in Peking, Bangalore, Londen, Kabul und vielen weiteren Städten dieser Welt, aber Original ist eben Original und Tradition was Schönes.

Auch wenn ich nicht der größte Freund des größten Volksfestes der Welt bin, hat es auch mich früher oder später stets zum Fan. Spätestens nach zwei Maß steh auch ich auf einer Bierbank, schunkle zu seichten Klängen, verbrüdere, verschwestere oder was auch immer mich mit Fremden, Freunden, den dreckaden Saupreißn, den dreckaden und zeige den Sorgen den Mittelfinger. Prost, ihr Säcke. Prost, du Sack. Eins, zwei, gsuffa. Hauptsache a Gaudi is. Wurscht, wo man ist. Solange es nicht das Hippo ist.

Ein befreundetes Pärchen hatte fürs zweite Wiesnwochenende genau im besagten Zelt einen Tisch und zwei Plätze frei. Ich weiß nicht so recht, das Hippo, dachte ich und meinte, ich frag mal meine Freundin. „Ich weiß nicht so recht, das Hippo.“, sagte sie und mir wurde zum wiederholten Mal bewusst, warum es eine gute Idee war, mit ihr zusammen zu sein. Eine gelungene Ausrede musste her, um nicht mitzugehen. Wir mochten das befreundete Pärchen und unternahmen gerne was mit Ihnen. Aber was sollten wir Ihnen sagen, damit Sie unsere Absage nicht persönlich nahmen?

„Wir haben schon einen Wanderausflug aufs Brauneck geplant!“, war eine Überlegung. „Der runde Geburtstag der Großcousine steht an.“, eine andere. „Eine Magen-Darm-Grippe wird uns genau an diesem Wochenende ans Töpfchen fesseln.“ „Margen-Darm-Grippe. Ja, das gefällt mir gut. Wanderausflug klingt doch irgendwie unglaubwürdig. Die wissen, dass du nicht gern wandern gehst.“

Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt, dass er immer bei der Wahrheit bleibe, weil sein Gedächtnis so schlecht sei, dass er sich sowieso nicht an seine Lügen erinnern würde. Schlauer Spruch. Mein Gedächtnis war wie eine Mischung aus einem edlen Schweizer Käse und einem gewöhnlichen Schwammkopf. Ich versuchte es Folgendermaßen.

„Liebe Freunde, um es kurz zu machen. Wir kommen nicht mit auf die Wiesn. Und das liegt am Hippodrom.“ „Was habt ihr denn gegen das Hippodrom?“, fragten unsere Freunde enttäuscht. Nichts, dachten wir. Solange wir woanders sind. „Nichts Bestimmtes!“, sagte ich. „Ist halt das untypischste Wiesnzelt und wir mögen andere Zelte lieber.“ „Wie war eigentlich euer Urlaub?“, versuchte meine Freundin das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Vergebens. Sie ließen nicht locker.

„Seit wann legt ihr den Wert auf ein typisches Wiesnzelt? Es geht doch darum, dass man gemeinsam a Gaudi hat oder verstehen wir das jetzt falsch?“ Jetzt machten sie uns ein schlechtes Gewissen und genauso das wollten wir vermeiden. Wir wussten uns nicht anders zu helfen und holten die Geheimwaffe raus. „Ihr habt natürlich absolut Recht und wir sehen das genau so. Die Wahrheit ist, an dem Wochenende feiert die Großcousine runden Geburtstag und wir wandern gemeinsam aufs Brauneck rauf. Mit einer Magen-Darm-Grippe. Ich weiß, ich weiß. Das hört sich jetzt irgendwie komisch an, aber wir haben ein gutes Mittel gegen Durchfall dabei.“

„Na dann, sagt das doch gleich und wir dachten schon, es wäre was Persönliches.“, seufzten die beiden erleichtert. A ge weiter, so a Schmarrn. Wir prosteten uns zu und sprachen über den besonderen Charme der Wiesn. Der sei schon wirklich was Besonderes, waren wir uns einig. Und die Wahrheit sowieso.

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