Neben dir möcht ich für immer liegen

„Wo möchtest du später einmal begraben werden?“, fragte mich neulich meine Freundin und mein erster Gedanke war: neben ihr. „Neben dir!“, sagte ich und wir küssten uns. „Aber lass uns vorher noch eine verdammt gute Zeit miteinander haben.“ Und dabei aufpassen, dass uns die Dämonen nicht aus dem Zelt ziehen, weil wir keine Nummer dran haben.

Eigentlich ist sie ja die Vorsichtige und Bedachte, während ich mehr der Entspannte und so. Als Beispiel: In jeder größeren Stadt, in der wir auf unserem Roadtrip durch Kroatien Halt machten, wollte sie immer und unbedingt, dass wir ein Parkticket lösten. Sogar wenn Sonntag war, unsere Magen knurrten und man am Sonntag gar kein Ticket lösen musste. Ich wiederum hätte das Auto überall hingestellt. Behindertenparkplatz, Feuerwehrzufahrt, Polizeipräsidium, völlig egal, meine Landsleute würden schon ein Auge zudrücken. Es war Sonntag, Mittagsruhe und wenn ich Hunger habe, wird sowieso das Meiste nebensächlich.

Doch jede Reise ändert Menschen und so auch diese uns. Ehe die Sonne in der Adria unter und wieder auf ging, tauschten meine Freundin und ich die Rollen. Ich wurde ein bisschen wie sie, sie wurde ein bisschen wie ich und das war gut so. Eigentlich. Wenn nicht dieser verfluchte Campingplatz auf Cres gewesen wäre.

Wir kamen in einem Örtchen an, wo man noch vor dem Ortschild das Auto abstellen musste, weil man den Ortskern nur zu Fuß erkunden durfte. Es war spät und wir mussten kein Parkticket lösen. Wir gingen die steile Straße zur Küste runter und erblickten am Ende das Paradies. Eine wunderschöne Bucht, ein paar kleine Boote im Wasser, ein, zwei große daneben. An der Promenade drei Fischrestaurants und ein Kiosk, das nur kühles Karlovacko im Kühlschrank kühlte. Kein Souvenirshop mit billigen Mitbringseln und T-Shirts, die nach einmal Waschen verwaschen waren. Ein Traum für alle, die es gerne unpauschal hatten.

Meine Freundin war sofort verliebt und wie das so ist mit der Liebe, vor allem, wenn sie auf den ersten Blick ist, die Sorgen verschwinden und die Unbeschwertheit tritt ein. Ein schmaler Pfad rechts vom Hafen führte zu einem idyllischen Campingplatz. Die einzelnen Zeltplätze waren auf nicht mehr bebauten Ackerterrassen verteilt. Die ersten Gäste schliefen bereits. Unter all den Schlafgeräuschen meinte ich, französische, slowenische und österreichische Schnarchnasen heraus zu hören. Ja, bist du deppert, dachte ich.

„Lass und hier bleiben.“, sagte meine Freundin und strahlte mich mit frisch verliebten Augen an. In Ordnung, sagte ich, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Und das hatte nichts mit den österreichischen Schnarchern zu tun. Die Rezeption des Campingplatzes hatte geschlossen und so konnten wir keine Nummer für unser Zelt bekommen. Die brauchten wir aber, um legal zu campen. Eines der zehn Gebote der Hausordnung drohte, unangemeldete Gäste hart zu bestrafen. Unter anderem mit Hausverbot. Das machte mir große Sorge. Niemand wollte im Paradies Hausverbot bekommen. Schon gar nicht, wenn das Paradies in seiner Heimat statt fand. Egal, meinte meine Freundin und ich stimmte ihr widerwillig zu. Drei Karlovacko halfen mir dabei.

Nach einem leckeren Essen, es gab Scampi und Tintenfisch, Mangold und Reis, gingen wir zum Wagen, holten unsere Schlafsachen, Isomatte und Zelt, gingen den schmalen Pfad zum Campingplatz und suchten uns ein Plätzchen am Strand. 1, 2, 3 Sekunden später stand unser 2-Sekunden-Zelt von Quechua. Wir putzten Zähne, jeder die Seinen, und legten uns schlafen. Sie neben mich. Ich neben sie. Dann war es soweit. Für einen von uns begann der Höllentrip im Paradies. Während mein Engel, gesegnet sei ihr Schlaf, seelenruhig vor sich hinschlummerte und ein seliges Lächeln ihr Antlitz zierte, weil sie ihren Traumort auf dieser Reise gefunden hatte, begannen für mich unbeschreibliche nächtliche Qualen. Die Hölle brach aus.

Ein starker Wind umwehte das Zelt. Die Äste, der Kies und ein paar Kronkorken aus Karlovacko knirschten am Boden so als ob etwas darauf treten würde. Ich bildete mir ein, jemand schleiche um das Zelt und werde jeden Moment den Reißverschluss der Zelttür öffnen. Ein Dämon, ein Zombie, der Teufel vielleicht. Oder noch schlimmer, der Campingplatzbesitzer persönlich. Hilfe, Hilfe, schluchzte ich. Doch niemand half. Alle Europäer dösten friedlich vereint vor sich hin, während ein kleiner Kroate furchtvoll dem Tod ins Auge blickte.

Jeden Moment ist es soweit, dachte ich. Jeden Moment kann es geschehen. Gleich zieht er an meinem Fuß und mich aus dem Zelt. „Warum hast du keine Nummer am Zelt? Warum missachtest du die zehn Gebote? Hast du die Hausordnung nicht gelesen? Du weißt, was das bedeutet. Hausverbot fürs Paradies. Ewige Verdammnis auf dem Stellplatz der Hölle. Im Parkverbot ohne Parkschein. Neben Franzosen, Slowenen, Österreichern und… “ Neeeeeeeeeeeein.

Mit Herzklopfen und Kopfschmerzen erwartete ich die Sonne und Erlösung. Ich wartete auf meine Liebste, dass sie erwachte und mich von meiner Agonie befreite. Und wir endlich verschwinden könnten von diesem schrecklichen, alptraumhaften Ort. Nix wie weg. Durch den Hinterausgang bitte. Auf polnische Art.

Meine Freundin wurde endlich wach und streckte sich erst einmal ausgiebig nach einem recht erholsamen Schlaf wie es schien. Bei ihrer Morgentoilette ließ sie sich richtig schön Zeit. Sie genoss jede Sekunde in ihrem Paradies, während für mich jede Sekunde eine zuviel war. Hier möchte sie wieder hin, meinte sie. Ja, ja, meinte ich. Nächstes Jahr vielleicht, aber lass uns jetzt verschwinden. Und zwar schnell verdammt.

Ich weiß, ich weiß. Es war alles in meinem Kopf. Aber es war da, es war real. Ich schwöre, Freunde. Der Teufel in Gestalt des Campingplatzbesitzers zog gestern Nacht am Reißverschluss des Zeltes und wollte meine Seele holen. Ich hatte nur eine Alkoholfahne und Zahnpasta anzubieten.

„Wo möchtest du später einmal begraben werden?“, fragte sie. „Neben dir!“, sagte ich. „Aber nur, wenn wir vorher eine Nummer an unserem Grab anbringen.“ „Und ein Parkticket lösen!“, sagte sie. Wir lachten und sahen, dass wir uns liebten. Ich spürte zwar immer noch die kalte Hand des dunklen Dämons an meinem Fußgelenk. Doch noch kriegte er mich nicht zu fassen. Es war zu früh vom Tod zu faseln.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s