Stell dir jeden Tag was Neues vor

Ich sitze auf meinem Stuhl und schaue in den Monitor. Ein leeres virtuelles Blatt Papier starrt zurück. Ich bin allein im Zimmer. Ich atme tief ein und mache mir bewusst, wo ich gerade bin und was ich gerade mache. Ich befinde mich in der zweiten Etage der hippsten Werbeagentur Deutschlands und texte für die hippste Agenturgruppe der Welt. Das Beste daran: Ich bin im besten Team, das es gibt – alle anderen sind Asche und unserer nicht würdig. Spanische Nationalelf Kindergartengruppe.

Ich lerne vom besten Texter, den ich kenne. Ach, Quatsch. Warum so bescheiden, Kumpel? Ich bin der beste Texter, den ich kenne. Ja, genau. Ich bin der Beste. Ich bin der beste, geilste und hippste Werbetexter, den es gibt. Und zwar in der geilsten, hippsten Werbeagentur der Welt.

Was für eine Erkenntnis. Und das ohne Koks oder ähnliche berauschende Mittel. Das einzige, was mich pusht, sind geile Ideen und Texte. Ich texte, also bin ich. Her mit dem Projekt. Was ist zu tun? Eine Anzeige für einen Marmeladenhersteller. Kein Problem. Eine meiner leichtesten Übungen. Der Kunde möchte Leidenschaft, der Kunde möchte Gefühl. Der Kunde möchte eine Hommage an die Kindheit, einen Text, der hohen Bindungswert generiert und tralla la, blabla. Ist ja gut. Halt endliche die Klappe, Kontakter.

Ich weiß, was der Kunde will. So was wie: „Meine Mama hat mich immer damit gefüttert.“ Oder: „Muss dann immer an das Apfelmus meiner Oma denken.“ Oder: „Es war Sonntag, meine Kinder, 22 und 28 kamen zu Besuch und ich hatte Zeit und wollte sie betütteln.“ Herrlich. Was ein Scheiß. So schafft man Mehrwert. Und Nachhaltigkeit. Ja, Nachhaltigkeit. Heute muss ja alles nachhaltig sein. Die Idee, der Text, das Essen, das Bier. Dein Leben, Kumpel. Dein Leben. Selbst die Kiki, die du die täglich die Toilette runterspülst. Klar, dass die auch nachhaltig sein muss. Also futter schön Bio-Produkte, ja? Damit die dann voll wieder verwertbar sozusagen.

Da kommt die Idee. Wie Lang Lang in die Tasten hau ich in die Tastatur. Das Ergebnis, eine der schönsten Kindheitserinnerungen, die man kennt. Bla bla, blubb und tralla la: „Oma und Opa im Garten beim Obstpflücken, Körbe voller Äpfel, Pflaumen und Pfirsiche. Später dann beim Einkochen in der Küche, die großen Töpfe mit frischem Apfelmus und Pflaumenkompott, das dann in viele sauber beschriftete Gläser gefüllt wurde…“

Ich schüttle den Kopf. Was ein Käse. Mir sind solche Erinnerungen fremd. Vielleicht war meine Kindheit auch nicht so wohlbehütet. Egal. Ich schicke den Text zum Kontakter. Der schickt ihn mir zurück. Mit der Bemerkung, dass der Text vom letzten Jahr ist. Er bemerkt es freundlich. Er weiß, wer hier die Brötchen bäckt. Ohne mich ist er hier wertlos.

Neeeeeeiiiiin. Habe ich da aus Versehen durch Kopieren und Einfügen den Text eingefügt? Jetzt wo er es sagt, fällt es mir wieder ein. Ok. Ok. Ist ja gut. In Ordnung, du nichtsnutziger Wurm. Ich kann auch anders. Ein zweiter Versuch. Diesmal aus der eigenen Feder. Schließlich bin ich Texter und kein von Guttenberg. Und schließlich geht es ja diesmal nicht um Kompotte, sondern um die neue Dimension des Apfelmus. Da muss schon mehr Hirnschmalz her, Kumpel. Denn, ich weiß nicht, ob du es wusstest, des Deutschen fünf liebste Apfelsorten gibt es jetzt auch als sortenreines Apfelmus. Wenn ich vorstellen darf: Granny Smith, das Model unter den Äpfeln, Red Delicious, der Weihnachtsapfel, Braeburn, der Abenteurer, Golden Delicious, der Sanfte und letztlich der beliebteste und bodenständigste aller Vitaminträger – Jonagold. Sagt die Marktforschung der Marmeladenmanufaktur.

Ein Apfel ein Abenteurer? Oder gar sanft, mild und nett? Verfickt und zugenäht. In was für einer Welt leben wir eigentlich, in der jetzt auch Obst menschliche Eigenschaften bekommt? Ich geh doch nicht in den Laden und kauf mir deshalb Früchte, weil sie mich freundlich anlächeln. Und schön „Guten Tag, der Herr. Beißen Sie in mich rein. Ich will Sie und bin auch 100 Prozent wurmfrei!“, flüstern. Und, wehe, wenn nicht. Dann geh ich aus dem Laden mit leeren Händen wieder raus und kaufe nichts. Und wenn mich jemand fragt, warum, sage ich: Weil heute unter allen Äpfeln, Birnen und Bananen nur Idioten und faule Arschlöcher waren.

Da muss ich selber schmunzeln, trink nen Schluck von meinem Red Bull sugarfree, Figur ist wichtig, und finde die Idee zum ultimativen Text. Genau so muss es lauten und nicht anders: „Stell dir vor, Du gehst in den Supermarkt zur Obsttheke. Vor Dir offenbart sich ein Apfelstand mit den beliebtesten Apfelsorten in den verschiedensten Farben, Formen und Variationen. Jeder einzelne Duft verzaubert Deine Sinne, eröffnet Dir neue Geschmackerlebnisse und verdeutlicht Dir die Vielfalt der Natur. Du fühlst dich wie im Paradies, nur besser. Und jetzt stell Dir vor, Du stehst vor dem Apfelmusregal und erlebst das Gleiche. Stell es dir vor, Kumpel. Stell es dir vor.“

Perfekt. So läuft der Wombat. Wurst, was der Kontakter sagt, mein Werk ist vollendet und der Kunde wird begeistert sein. Weil Text super. Nachhaltig, wertig, Oscarverdächtig. Bravo, bravo, bravo, sie Michelangelo des Marketing, werden sie sagen. Sixtinische Kapelle Mahlen nach Zahlen. Jetzt noch eine geniale Überschrift und ab damit. Zufrieden nicke ich über meinem Konzertflügel ein und träume… (Fortsetzung folgt)

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