Visionär kommst du auch ohne Brille klar

Alles war gut, bis die Werberbrille ins Wasser fiel. Und als Kurzsichtiger ohne Sehhilfe hattest du nun mal schlechte Aussichten auf dieser Welt. Im modernen Marketing sowieso, aber eines nach dem anderen. Es war Sonntag, die Sonne strahlte und wir wollten zum Wörthsee. Wir, das waren meine Liebste, meine Nichte aus Kroatien und drei indische Jungs zwischen 6 und 9 Jahre alt, bei denen gefühlt jedes zweite Wort „Oida“ war. Das „Oida“ wurde ab und an und je nach Wetterlage gerne durch ein „Fick dich!“ oder „Du hässliches Opfer!“ ersetzt, und nicht selten mit einem „du Ffffffickser!“ ergänzt. Herrlich. In so einer Gesellschaft würde mein Wortschatz garantiert zur schriftstellerischen Exzellenz reifen. Und der mittlere der drei hatte zudem die visionären Ideen für meine Plots parat.

„Mate, in 100 Jahren wird die Erde durch einen fetten Asteroiden zerstört und alles beginnt von vorne.“ Sein älterer Bruder findet diese Vorstellung häßlich. Ich glaube, weil er irgendwie alles häßlich findet. Vielleicht, weil es das erste Adjektiv ist, dass durch seinen Kopf schießt, wenn ihm etwas mißfällt. Damit erinnert er mich an den Schlumpf, der alles hasst. Vor allem auch wegen des Turbans, den seine Mama ihm um seine Haare gewickelt hat. Sieht gar nicht mal so unhäßlich aus.

Der Kleinste der drei Inder hat eine schneidige Kurzhaarfrisur und langweilt sich bereits auf der Hinfahrt. Wir fahren keine 5 Minuten. „Lass mich aussteigen, Oida. Ich habe kein Bock mehr auf See.“ Ich drohe, ihn bei der nächsten Gelegenheit auszusetzen. Ein Fehler. Ravi fühlt sich herausgefordert und provoziert. „Was ist jetzt, du Fffffickser? Lass mich endlich raus aus diesem hässlichen Auto?“ Ich denke mir: „Leck mich, Kleiner!“, verkneife mir aber vorbildmäßig jegliche Kraftausdrücke vor den Kindern und sage pädagogisch wertvoll: „Ravi, du weißt ganz genau, dass ich dich nicht alleine irgendwo an der Straße absetze. Weil wir beide genau wissen, wenn ich das tue, wirst du wie ein kleines Baby nach deiner Mama schreien und dir vor Angst in die Hose pinkeln. Also lass den Sch…k…äse und reiß dich zusammen.“

Vom Beifahrersitz wirft mir meine Freundin einen anerkennenden Blick zu. Sehr gut, Liebster. Du wirst ein guter Papa, sagt der. Genau so möchte ich meine Kinder erzogen wissen. Der Kleine verstummt. Vielleicht auch, weil sein großer Bruder mein Anliegen mit den Worten stützt: „Ja genau. Halts endlich Maul, du hässliches Opfer.“ Während sich der Mittlere der malersichen Landschaft widmet und fragt, ob es auch hübsche Opfer gibt, frage ich mich, ob meine Nichte überhaupt etwas von dem, was hier gesprochen wird, versteht. Besser, wenn nicht. Sonst erzählt Sie daheim ihrer kleinen Schwester noch: „Die deutsch-indischen Kinder sind alle so was von verzogen. Bei denen ist jedes zweite Wort ein „fick.“ Und ihre kleine Schwester erwidert auf kroatisch: „Ja, leck. Ist das häßlich. Gut, dass wir hier kultivierter sind.“

Am See ist es dann auch echt kultiviert und entspannt. Wir baden, spielen, lachen, die Kinder fluchen, alle haben Spaß. Zumindest solange, bis meine hippe Werberbrille im Wasser landet und sich auf den Grund des Sees verabschiedet. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel vor meinem Auge und ich schicke die vier Kinder unbeaufsichtigt auf die Liegewiese. Mit meiner Freundin tauche ich unter dem Holzsteg nach der kreativen Sehkraft. Vergebens.

Während ich so tauche, schwirren wie Fischschwärme einige Gedanken durch meinen Kopf. Ob ich ohne meine Brille je wieder kreativ und visionär denken werde können. Hm. Ob die Haftpflicht den Schaden zahlt und wenn, ob nur der Zeitwert erstattet wird und ob dann der rechte Bügel fehlt. Hm. Die Kinder sind schon eine Stunde lang ohne Aufsicht. Ob die Haftpflicht auch zahlt, wenn eines von ihnen verschwindet. Hm. Und wenn ich den Kleinsten an der nächsten Straßenecke aussetze. Und seinem Vater einfach erkläre, dass die Versicherung ihn durch einen neuen Jungen ersetzt. Schnell und unkompliziert. Gut, einen Haken hat die Sache, mein Freund. Wegen des Zeitwerts wird dein neuer Sohn nur zwei Drittel so groß sein und ein Chinese. Weil Inder nicht mehr auf Lager waren und das gleiche Kind sowieso nicht mehr nachbestellt werden kann. Weil Mensch und Einzelstück und überhaupt.

Und falls sich sein Vater aufregen sollte, sage ich, keine Sorge mein Freund, Kinder lernen die Sprache schnell und so Sachen wie „Oida“, „fick dich“ und „du hässliches Opfer“ bringen ihm seine zwei neuen Brüder schon bei. Wenn nicht vorher ein fetter Asteroid auf die Erde kracht und uns alle zum Teufel jagt. Für mich geschenkt. Ohne meine Brille wird die Apokalypse eh nur trübe an meinen Augen vorbeiziehen und keiner wird mehr da sein, der sie mir als innovative Werbekampagne verkauft. Yeah. So ein Tag am See ist schon echt ne schöne Sache. Atemnot hin oder her. Die visionären Gedanken sind entscheidend.

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