Surf die Angst bevor sie dich surft

Jetzt mal unter uns, ich hab furchtbare Angst vorm Fliegen. Sogar mehr als vor der Rache der Mega-Squids. Für mich ist es einfach unnatürlich, 10.000 Meter über der Erde zu sein und den Bodenkontakt zu verlieren. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass man abstürzt, ist gering. Trotzdem. Jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, der gleiche Gedanke: „Scheiße, ich werde sterben ohne jemals Bundeskanzler gewesen zu sein!“

So kralle ich mich, vor allem vor Start, Landung und bei Turbulenzen, in die Sitzlehnen, schließe die Augen und denke an was Schönes. Manchmal hilft mir Bier dabei. Eine kleine Dose Heineken auf Ex. 4,50 Bei Ryan Air, Europas erster Low Cost Airline. Ein echtes Schnäppchen, das hilft.

Ich denke an Pfannkuchen, die Weiten des Atlantiks und den feinsandigen Strand der Algarve. Surfurlaub mit zwei Freunden auf der Flugtafel. Zeit zum einchecken und den „Swell“ abchecken, den „Tide push“ abwarten, im richtigen Moment die Welle reiten und lässig auf dem Brett „loose“ hängen. Ja Mann, das ist es. Das Glück. Wäre da nicht die portugiesische Surfmafia.

„Das hier ist unsere praia, irmao. Du kannste gerne darauf, wenn du möchtest. Tiago wird dir ein Brett borgen. Ganz großartig günstig. Wir machen dir eine extra spezielle Preis, companherio. Aber denke daran, die erste Welle gehört immer dem Don. Es wäre schade, wenn du sie nehmen würdest. Wenn du verstehst, was wir meinen.“ Schluck. Ich verlange nach einem Heineken. Es gibt Sagres. 2 Euro die Flasche. Auch nicht verkehrt.

Von der Strandbar aus seh ich einen Freund die erste Welle reiten. Dafür, dass es sein erstes Mal ist, macht er es wirklich sehr gut. Er hat Talent. Die richtige Statur. Schlank, drahtig, durchtrainiert. Ruckzuck steht er stabil. Die Knie leicht gebeugt surft er bis ans Ufer. Zwei finster dreinblickende „Locals“ in dunklen Wetsuits warten dort schon auf ihn. Zu dritt verschwinden sie hinter einer Düne. Ich seh meinen Freund nie wieder. Aber seine erste Welle hat er echt prima gemeistert. Wirklich sehr gut.

Ich seh meinen zweiten Kumpel die zweite Welle reiten. Oder es zumindest versuchen. Ich seh mich in ihm. Ich seh, wie ich wie ein Walross versuche, in einem viel zu engen Neopren, der eklig an meinem Körper klebt, meine Wampe auf das viel zu kleine Brett zu wuchten und drei „Powerstrokes“ später, 1,2,3, aufrecht zu stehen, um die viel zu große Welle zu kriegen. Wider der Natur. Ohne Kontakt zur Erde. Die „Leash“ am Fußgelenk. Nur Fliegen ist schöner. Übergewicht Sonderaufschlag. Schluck. Das Bier schmeckt salzig. Oder ist es das Meerwasser, das mich trinkt?

Ich wende mich ab vom Surfspot und hin zur Natur. Auf dem Parkplatz steht ein bunt bemalter Wohnwagen. „Herzlich Willkommen!“ ruft er mir zu, „es gibt gesunde Kräuter hier.“ 6 Euro das Gramm. Romeo sei dank. So heißt der deutsche Hippie, der darin wohnt. Er schnitzt schöne Surf-Souvenirs aus Holz, die er am Strand nicht verkaufen darf. Keine Lizenz. So bleibt er in seiner Hütte und verkauft was anderes. Lizenzfrei. Kein Scheiß. Wahre Geschichte.

In Onkel Romeos Hütte ist es richtig nett. Ein wohliger Duft umhüllt den Raum. Die Innenwände mit persönlicher Note gezimmert. Wir machen es uns gemütlich und reichlich belegte Baguettes. 1,2,3 Powerstrokes später surfen wir auf der grünen Welle der Glückseligkeit. So tiefenentspannt wie lange nicht. Angstfrei fliege ich über die Weiten des Atlantiks,10.000 Meter über der Erde, ohne Bodenhaftung und „leash“. Pillepalle. Braucht kein Mensch so high über den Wolken. Plötzlich streift eine phänomenal visionäre Geschäftsidee meine Flugbahn: Das „Pure Chill Camp“ inklusive Relax Deluxe Lounge.

Dort kommen die Leute nur zum Entspannen. Kein Golf, kein Wandern, kein Surfen. Niemand zwingt dich und sich in enge Gummianzüge und muss unhandliche Bretter tragen. Es gibt Kurse in Kräuterkunde und Baguette belegen. Zweimal die Woche besuchen wir Felder und gießen Pflanzen. Wir lassen sie sprießen und gedeihen. Wenn sie reifen, pflücken wir sie und bereiten Tee daraus. Oder backen Schokomuffins. Die genießen wir dann bei Sonnenaufgang, Untergang und zwischendurch. In Hängematten oder auf Sofakissen. Egal, Hauptsache gechillt.

Und sollte mal wirklich überraschend die portugiesische Mafia an der Tür klingeln, weil sie auch was vom Muffinkuchen abhaben möchte oder gar gigantische Tintenfische aus dem All auf Rache sinnen, weil wir ihre kleinen Brüder, die Baby Calamari, so missraten auf dem Grill gebraten haben, werden wir ihnen alle kollektiv und gehörig was ins Gesicht blasen. Man sollte sich immer seinen Ängsten stellen. Aloha und hang loose, Freunde.

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