Hirn, hör auf, mich zu ficken

Immer mehr Menschen fühlen sich heutzutage gestresst, überfordert und antriebslos. Sie fragen sich nach dem Sinn des Daseins und überhaupt. Burn Out die Diagnose. Das Schlimme, dieses lähmende Burn Out fängt schon bei unseren Kleinsten an. Kinder wollen plötzlich ihren Brei nicht mehr essen, ihre No-Name-Klamotten nicht mehr tragen und selbst in den Park mit den Anderen bisschen spielen und so – den meisten jungen Jungen und Mädchen ist das zu viel. Dabei kommt das dicke Ende erst noch. Meist schon morgens: „Nein Mammi, ich habe heute keine Lust auf Schule. Was soll das bringen? Da lernt man doch eh nix Gescheites fürs Leben. Ich möchte lieber im Bett bleiben und schlafen.“ Oh, oh, oh. Nachtigall, ich hör dich ausbrennen.

Das Blöde ist, jetzt hat es sogar mich erwischt. In der Arbeit fing es an. Ein Kollege: „Hey Mate, kannst du bitte bis Mittag die Anzeige texten?“ Ich so: „Nee du, sorry, Burn out.“ Dann daheim meine Mitbewohnerin: „Mate, kannst du bitte den Müll rausbringen?“ Ich so: „Nee du, sorry, Burn out!“ Der Höhepunkt kam dann mit meiner Freundin. Im Schlafzimmer. Sie so: „Mate, willst du bisschen Sex haben?“ Ich so: „Ja Schatz, gerne. Aber nur, wenn du oben liegst.“ Manche Dinge sind nun mal mächtiger als Burn Out.

Ich glaube ja, den Schuldigen für mein Dilemma gefunden zu haben. Es ist mein Hirn. Ich weiß nicht, ob ihr den Effekt aus den Fußgängerzonen dieser Welt kennt. Ein Fremder und du, ihr geht aufeinander zu und kurz vor knapp, bevor eure Nasen aneinander stoßen, weicht ihr einen Schritt zur Seite. Aber euer Gegenüber auch. Zur gleichen. Und dann: Totale Blockade, Paralyse und Stillstand. Bis sich das Problem in heiterem Lachen auflöst und ihr aneinander vorbeigeht. Hihi.

Bei meinem Hirn ist das anders. Dieses hin und her, ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts und das Ganze wieder von vorne, kann sich zwischen ihm und mir stundenlang hinziehen. Manchmal fühle ich mich wie in „Herr der Ringe“. Zauberer Gandalf und der Dämon in der Berghöhle. Ich will vorbei , aber mein Hirn entgegnet mir mit mächtiger, computerverfremdeter Stimme: „DU KOMMST NICHT VORBEI!“

Dabei sieht mein Hirn gar nicht aus wie ein erhabener Zauberer, sondern eher wie eine weiße Orange auf Zahnstochern. Blaue Adidas Sneakers und schwarze Werberbrille inklusive. Mensch, ich würde so gern einen Schritt nach vorn machen und in den weiten Welten meiner Großhirnrinde Ausschau nach meinem kreativen Potenzial halten. „Jetzt Hirn, lass den Scheiß. Hör auf, mich ständig so sanft zu kopulieren*!“, sage ich wütend, aber auch enttäuscht. Es antwortet: „Aber Mate, du kopulierst dich doch nur selber sanft. Versuch es mal mit Entspannungsübungen.“

Und ich versuche es. Ich fang an mit autogenem Training und erschwere meine Arme. Meine Beine, meinen Kopf. Ich mache weiter mit progressiver Muskelentspannung und spanne jeden einzelnen Muskel meines Körpers an, um ihn dann wieder zu entspannen. Selbst da, wo ich keine Muskeln habe, spüre ich es kribbeln. Vor dem Spiegel lache ich mich an. Mein Ebenbild erinnert mich an mein Hirn. Lachyoga ist angesagt. Haha, haha, ha. Hehe, hehe, he. Hoho, hoho, ho. Ich höre eine Meditations-CD und stelle mir vor, eine Lotusblüte zu sein, die auf einem tiefen, ruhigen Ozean sanft dahintreibt. Am Horizont das ewige Licht der Helligkeit. Es funktioniert.

Es ist Abend. Ich habe den ganzen Tag im Bett verbracht und mich mit wohltuenden Gedanken beschäftigt. Ich fühl mich so tiefenentspannt wie ein Seepferdchen im Mariannengraben. Die Fußgängerzone meines Cortex ist wie leer gefegt, der weiße Orangen-Gandalf auf Zahnstochern hat das Kopfsteinpflaster verlassen. Ich fühl mich großartig. Super. Hirnlos, aber glücklich. So lässt es sich aushalten. Jetzt bleibt nur noch die Frage zu klären, mit was ich meinen Kühlschrank fülle und wie ich meine Miete bezahle. Vorschläge werden gerne angenommen. Bis dahin geh ich noch ne Runde entspannen.

* Weil mein Hirn eine Unterlassungsklage eingereicht hat, und zwar gegen die Behauptung, dass es mich ficke, durfte ich im Fließtext nicht mehr behaupten, dass es das tut. In einer einvernehmlichen außergerichtlichen Einigung haben wir uns geeinigt, dass „sanft kopulieren“ als Ausdruck mehr der Wahrheit entspricht. Die Headline bleibt von dieser Vereinbarung ausgenommen.

Anmerkung meines Illustrators: „Ich hätte es besser gefunden, wenn dein Hirn in der Fußgängerzone auf dich gewartet hätte und ihr dann Hand in Hand über die Synapsen-Passage Richtung Temporallappen flaniert wärt.“ Ja, aber dann hätte meine Zitrone was dagegen gehabt. (Anm. des Autors, siehe „Meine Zitrone und ich“)

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