Ein Recht auf keine Meinung

Manchmal habe ich eine Meinung zu nahezu gar nichts und die vertrete ich mit Nachdruck. Für mich ist die Antithese dann genauso gut wie die These und ich bin der letzte, der eine Diskussion beginnt. Aber wenn, will ich es genau wissen. Ich bohre nach und lass nicht locker. Dann bring ich gern den Dolby Surround in den monotonen Monologsound.

Wenn jemand absolut von etwas überzeugt ist, sehe ich das relativ. Wenn jemand etwas relativ sieht, bin ich absolut. Aber so was von. Ich spiegel dann seine Meinung wider. Nicht eins zu eins, sondern den gegenteiligen Standpunkt. Die andere Seite der Medaille, quasi. Das macht mir Spaß. Da bin ich gut drin.

Als Sprachverdreher begeistere ich mich an geschickt gewählten Formulierungen, Worten, Sätzen, Zitaten und Anekdoten. Für Taten können gern die anderen zuständig sein, ich kümmere mich um die Wortproduktion. Nicht um das Rechthaben willens. Mit Fundamentalisten will ich nichts zu tun haben. Über dem Tellerrand gibt es auch leckere Speisen.

Schublade auf, Schublade zu.

Schön und gut, das ist ja echt schlau von dir, Mate, höre ich oft, aber wir wollen nicht die gegenteilige Meinung hören, wir wollen deine Meinung. Wir wollen nicht, dass du dich auf die Empore der Erhabenheit erhebst, wie ein Vogel über allem schwebst und von oben alle milde anlächelst, womöglich sogar runter kackst. Jeder hat eine Meinung zu allem. Ich lächle milde.

Was soll ich sagen? Zu vielen Themen habe ich keine festen Ansichten. Oft ändere ich meine Sicht, je nachdem, welche Seite mich gerade versucht, zu überzeugen. Wie die Fahne die Seite im Wind. Nein, ich bin wie der Wind. Da und doch nicht zu greifen. Ohne festes Ziel. Manchmal ein Orkan und manchmal ein laues Lüftchen. Ich wechsle gern die Windstärke und auch gerne mal die Richtung, aus der ich wehe. Einfach, um zu sehen, was passiert. A puuh, a puuh, a puuh.

Bin ich für ACTA oder dagegen? Keine Ahnung. Ich schaue mir gern per Stream die neuesten Episoden meiner US-Lieblingsserien an. Halb legal und gratis. Wenn ich das in Zukunft nicht mehr kann, dann kaufe ich mir die Staffeln auf DVD. Bin ich für Kinderarbeit? Natürlich nicht, Gott bewahre. Trotzdem kaufe ich meine Pullis bei H&N, trinke Kaffee bei Moonbucks und esse Schokolade vom Waldi. Bin ich gegen Tierquälerei? Vielleicht schon, wenn vorher die Menschenquälerei abgeschafft wird. Oder auch nicht. Oh Mann, irgendwie bin ich ziemlich unpolitisch gerade.

Bin ich für die goldene Regel? Klar, bin ich das. Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu. Liebe deinen nächsten, wie dich selbst. Aber was ist mit dem, der gerne anderen Gewalt zufügt? Was ist mit dem, der alle hasst und Amok läuft? Hm. Schwierig. Irgendwie finde ich die goldene Regel doch nicht mehr so gut. Ich finde überhaupt Regeln scheiße. Ich gehe bei rot über die Straße. Es gibt Tage, da will ich selbst Amok laufen und wie Michael Douglas in Falling Down mit einer Flinte durch die Gegend schreiten. Ich kann Amokläufer verstehen. In gewisser Hinsicht bin ich völlig unmoralisch.

Für was bin ich also nun? Und wer bin ich überhaupt? Was macht mich eigentlich glücklich? Habt ihr das schon für euch geklärt?

Manchmal bin ich gern der Clown und manchmal der unlustigste Mensch der Welt. Manchmal bin ich Romantiker und manchmal nicht. Manchmal bin ich der Penner an der Ecke und manchmal der Präsident der vereinigten Staaten. Manchmal bin ich Neil Armstrong und fliege zum Mond, manchmal bin ich Louis und blase das Horn. Manchmal performe ich high, manchmal low und manchmal auch gar nicht. Im Grunde möchte ich mich da nicht festlegen und gerne Mensch bleiben.

Die Welt ist nicht schwarz, die Welt ist nicht weiß. Für mich ist sie in Farbe und bunt. Manchmal auch grau. Vor allen Dingen aber ist sie spannend. Und so beobachte ich am Liebsten, was um mich herum passiert. Oft staune ich darüber. Und manchmal schreibe ich mein Staunen auf. Dann fühle ich mich gut, dann bin ich glücklich. So wie jetzt. Ich schreibe, also bin. Da lege ich mich jetzt ausnahmsweise mal fest, da bin ich radikal. Und der Rest Freunde, der ist mir heute erstmal relativ und absolut egal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s