Du bist doch plemplem, aber ich mag dich

„In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich, wenn selbst die Männer beim Tennis schon stöhnen?“, hätte er vielleicht gesagt, der Charles. Um dann die Worte nachzuschießen: „Der größte Teil der Menschheit ist plemplem. Der Rest ist entweder verbittert oder schlicht dumm.“

Neulich sagte jemand zu mir: „Jetzt echt, Mate. Du liest immer noch Charles Bukowski?“ Ich sagte, ja und warum auch nicht verdammt. Vielleicht, weil man heutzutage mit Sätzen wie, „Ich stand auf, zog mir meine Schuhe an, starrte an die Wand und dachte nur, großer Gott, was nun?“, nicht weit kommen konnte. Hm. Positiv Denken war auch gerade aus der Mode. Und Charles´ Prosa aktueller denn je. Auch wenn sie mich manchmal deprimierte.

Da standen wir also. Sie, ich und ein paar andere arbeitstüchtige Süchtige am Frankfurter Ring. Wir standen in der U-Bahn und kamen nicht weiter. Die umstehenden Smartphone-Zombies blickten von ihren klitzekleinen Bildschirmen auf und waren verwirrt. Ich nahm sie, das heißt nicht die Zombies, in den Arm und gab ihr einen Kuss. Dieses Internet konnte uns jetzt auch nicht sagen, warum wir gerade hier festsaßen. Der Fahrer schon. Weichenstörung am Hauptbahnhof. Ringsrum Gestöhne. Wie beim Männertennis.

„Wegen so was verlieren die Leute ihre Jobs!“, schimpfte ein Mann. Prädikat Bauarbeiter. Ja, genau, dachte ich und stellte mir vor, wie mich mein Chef vor die Tür setzte. „Aber Chef, ich kann doch nichts dafür. Da war eine Weichenstörung am Hauptbahnhof.“ „Na klar, Herr Tabula. Und was war mit den letzten Wochen? Weichenstörung in ihrem Kopf? Kein Schienenverkehr zwischen den Synapsen? Bauarbeiten an der Amygdala?“ „Ach, lecken Sie mich doch. Sie können mich nicht feuern. Ich kündige.“

Nun hielten Sie ihre Smartphones ans Ohr. „Ich verspäte mich. Weichenstörung. Geht nicht weiter. Keine Ahnung, wie lange es noch dauert. Prüfen Sie es doch nach. Ich sage ihnen die Wahrheit. Dann glauben sie es halt nicht!“ Und was war mit ihr? „Ach, ich kann jetzt eh nichts ändern.“ Ich küsste sie dafür. Wir fuhren weiter. Bis zum Scheidplatz. Dann stockte es wieder.

Der Fahrer gab uns einen Rat. „Alle, die in die Innenstadt wollen, steigen bitte jetzt um. In die U3 Richtung Fürstenried West. Das geht mit Sicherheit schneller. Wir stehen hier noch eine Weile. Die Weichenstörung ist noch nicht behoben.“ Gesagt, befolgt. Die dicht gedrängte Menge löste sich. Die Leute stürmten aus den offenen Türen aufs gegenüberliegende Gleis.

„Wer waren die schon? Doch auch bloß irgendwelche Typen, die sich den Arsch abwischen mussten wie wir alle. Jeder musste sich anpassen und einordnen. Ob Arzt, Anwalt oder Soldat – es spielte keine Rolle. Und wenn man sich eingeordnet hatte, musste man sehen, wie man vorankam. Entweder man kam damit zurecht, oder man verhungerte auf der Straße.“, sagte Charles. Jawohl, dachte ich. Und Schafe. Wir stürmten nirgendwohin und setzten uns auf die freigewordenen Plätze.

Aber warum stürmen die Leute raus? Na, weil sie Schafe sind. Und warum stürmen wir nicht mit? Na, weil wir keine Schafe sind. Und was sind wir dann? Wir sind Wölfe. Und was tun Wölfe? Wölfe reißen Schafe! A Wuuuuuuuuuuuu, heulte ich los. Sie heulte mit. Wir küssten uns. Und dann, großer Gott? Gott sei dank. Die Weichenstörung war behoben. Es ging weiter. Gerade noch rechtzeitig, um mir das Gestöhne von Novak und Rafa anzuhören. Und danach, weiter Bukowski zu lesen.

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