Kollege, bevor du schießt, Adresse bitte

Ich wurde soeben mit einem Schneeball beworfen. Von einem Freund. Aber nicht wie ihr jetzt denkt in echt oder real oder so. So echt real ist doch schon lange nicht mehr. Außerdem heute draußen die wahre Freude. Heller Sonnenschein, feinstes Föhnwetter, die Berge ganz nah. Herrlich.

Ich wurde mit einem Schneeball beworfen. Virtuell ins Gesicht. An meiner Pinnwand auf Fatzebook. Vor den Augen meiner 278 Freunde. Daneben eine Aufforderung: „Auf geht´s, Mate“. Darunter: „Achtung! Kosh bewirft dich! Vorsicht, Schneeball im Anflug! Lass dir das nicht bieten: Wirf zurück und …“ Bis dahin ganz lustig eigentlich. Und eine ungefrorene Demütigung. Kriegserklärung. In aller Öffentlichkeit. Das forderte Rache. Und diese sollte klassisch klingonisch kalt serviert werden.

Ich warf mich in die Winterjacke, zog mir Mütze, Schal, Handschuhe an und stürmte aus dem Büro ins Freie. Jetzt kriegt der Kosh eins auf den Sack, dachte ich. So richtig. Ich seif den Kerl so dicke ein, dass er nicht mehr weiß, wo genau in Sibirien er gerade ist. Typ, du wirst weißes Wasser fressen. Brauchst nicht denken, dass du mich vor den Augen meiner 278 virtuellen Freunde einfach so mit einem Schneeball bewerfen kannst und ungeschoren davon kommst. Oh nein, du Arsch. Hab doch viel zu viel zu viel Balkan-Blut in meinen Adern. Sozusagen kriegerische Veranlagung im DNA-Strang.

Aber was erblickten meine jähzornigen von Rache erfüllten, südländischen Augen da draußen? Heller Sonnenschein. Feinstes Föhnwetter, die Berge ganz nah, herrlich. Klimaerwärmung sei dank. Oder auch nicht. Ein Singvogel zwitscherte mir ein Frühlingslied. Westerland.

Ein neuer Racheplan musste her. Zurück ins Büro, an den Bildschirm, in die virtuelle Welt. Oder war das schon die reale? Bei all den Smartphones, Tablets und mobilen Internet-Angeboten, die vor allem jetzt in der Weihnachtszeit verstärkt um mich buhlten, war ich mir gar nicht mehr so sicher. Was stand neben dem Schneeball an meiner Pinnwand und warum schmolz er nicht dahin: „Wirf zurück und gewinne jede Woche coole Preise bei der Tele*piep* Schneeballschlacht!“

Ja, saugeil. Zurückwerfen und coole Preise gewinnen. Warum gab es das in der Kindheit auf dem Schulhof nicht? Da mach ich mit. Ein Klick auf die App und dann: „Gleich geht´s los. Sobald du einen Spieler erfolgreich mit einem Schneeball abwirfst, bist du bei der Wochen-Verlosung dabei. Aber vorher wollen wir bitte noch deinen Namen, deine Adresse und deine E-Mail erfahren.“ Ach nee du. Echt jetzt? Das ist mir dann doch zu blöd. Mein Blut beruhigte sich, mein Jähzorn schwand. Ich hatte keine Lust mehr auf Rache und fand ganz nebenbei die ultimative Lösung für den Weltfrieden.

Bevor irgendjemand irgendjemanden auf der Welt abschießen darf, muss er vorher seinen Namen, seine Adresse und seine E-Mail angeben. Damit er nämlich an der großen Wochen-Verlosung teilnehmen darf. Da gibt es dann Ländereien, Rohstoffe, Ölfelder und die ein oder andere Jungfrau. Mir würde ja eine Schneeballschlacht reichen. So echt real mit richtigem Schnee und ein, zwei richtig realen Freunden.

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