Meine Zitrone und Ich

Es heißt, wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus. Doch was, wenn ich selbst die Zitrone war? Sollte ich mich dann als Erfrischungsgetränk der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, eine crossmediale, voll integrierte Werbekampagne anstarten und überhaupt, wie viel Saft hätte man wohl aus mir rausholen können?

Neulich verglich man meine Arbeitsleistung mit der einer Zitrone. Diese wirke am Ende eines Arbeitstages wie frisch gepflückt, während die Zitronen meiner Kollegen bis auf den letzten Tropfen ausgepresst seien. Cooler Vergleich fand ich. Führungskräfte sprechen ja immer in Metaphern, damit das Bild im Gedächtnis des Mitarbeiters auch Eindruck hinterlässt. Das tat es. Ich sah es als Kompliment für meine Effizienz. Das Gegenteil war gemeint. Und das machte meiner Zitrone Angst. Sie zog sich zusammen. Ich verabredete mich mit ihr zu einer Krisenstabssitzung. In der Obstabteilung. Im Supermarkt um die Ecke.

„Citra, für was möchtest du gerne ausgepresst werden?“, fragte ich und überlegte, ob eine exotischere Frucht nicht besser zu mir passen würde. Papaya vielleicht. In einem Regal sah ich die Multiquick 3 Citrus Juicer Saftpresse von Braun. Sie war im Angebot. Hm, dachte ich. Sollte ich mit der morgen zur Arbeit erscheinen und meine frisch gepresste Motivation so metaphorisch zur Schau stellen? Damit es auch bleibenden Eindruck hinterließe? Meine Zitrone machte ein saures Gesicht. Ein Tropfen Saft tropfte zu Boden. Ich glaube, sie vergoss eine Träne. „Ach Mate. Das ist schon bitter, dass du mich völlig auspressen möchtest und nicht einmal weißt für was. Wie wäre es denn für das, was du wirklich möchtest. Denk doch mal an deine Freunde, deine Familie, deine Träume, Wünsche, deine Leidenschaft und vor allem an all die Töchter der Mütter, die auf Zitronenlimo stehen.“

Da sah ich klar und begriff: Selbst von Citrusfrüchten konnte man etwas lernen. „Du hast vollkommen Recht, Citra“, sagte ich zu meiner Zitrone und nahm Sie in den Arm. Sie schenkte mir ein süßes Lächeln. Hand in Hand gingen wir dem Sonnenuntergang entgegen und ich schwor ihr ewige Frische. Niemals auf der Welt würde ich sie jemals tauschen. Papayas hatten mir sowieso zu wenig Fruchtsäure.

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