Geschwister im Geiste

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Ich war nie dein größter Fan, aber wie gerne würde ich dir jetzt noch einmal applaudieren, während du die Sonne vom Fenstersims aus auf dich scheinen lässt.

Aber das Wohnzimmer ist heute seelenlos, als ich es betrete. Niemand läuft mir vor die Füße, niemand bettelt mich um Futter an, niemand miaut mir ein „Morgen“ hinterher.

Das Ding zwischen uns war keine Liebe auf das erste Schnurren oder den ersten schnuckeligen Blick. Das zwischen uns musste sich entwickeln. Und wenn du nicht so eine große Fürsprecherin im Haus gehabt hättest, wäre unsere Beziehung wahrscheinlich wie ein alter Film aus vergangenen Zeiten in der Schublade gelandet und unentwickelt geblieben.

Denn wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir dich schon längst weggegeben. „Ich pack sie nicht mehr“, habe ich oft gesagt, aber dein Frauchen sagte dann immer, du gehörst zur Familie und ich solle endlich aufhören, so zu reden.

Lange fiel mir das echt schwer. Vor allem, als die Kinder kamen und die Zeit oder das Gefühl für die Zeit, die ich für mich und meine Gedanken hatte, immer knapper zu werden drohte.
Fläschchen machen, Windeln wechseln, in den Schlaf wiegen und dann, in dem winzigen Moment Ruhe, den man zum Verschnaufen hatte, kamst du und wolltest fressen.

Wie oft hast du das Futter wieder ausgespuckt, weil du dich nicht mit dem Erstbesten zufrieden gabst, und wie oft bin ich in dein Ausgespucktes getreten, wollte dich dafür treten, habe es aber dann einfach nur weggewischt und mich dabei gefragt, wer hier das Herrchen und wer das Kätzchen wohl war.

Einmal hast du mir ein Kotstück vor die Nase gehalten. Es hing in deinem Fell und du legtest dich unschuldig neben mich auf die Couch, um mit mir Netflix zu schauen, während ich wütete, weil ich mir Schöneres ausmalte, als deine ständige Putzfrau zu sein, putzte ich schon ständig den Kindern hinterher.

Aber das waren meine Kinder, da hatte ich das Gefühl qua Geburt für, aber du, du warst doch nur ein zugelaufenes Etwas, kurz vorm Verhungern, sie wussten weder, woher du kamst, wie alt du warst oder an was du glaubtest, abgesehen von einem vollen Fressnapf und etwas frischem Wasser.

Manchmal war ich wirklich nicht fein zu dir. Ich hab dich von mir weg gescheucht, wenn du zu mir wolltest, hab dich von mir weggeworfen, wenn du auf mir lagst. Ich hab dich von mir gestoßen, wenn du mir im Weg warst.

Nie heftig, aber meist herzlos, wofür ich mich ab und an auch heimlich geschämt habe. Mir gedacht habe, ob nicht vielleicht ich das Tier von uns beiden sei.

Irgendwann dann so zwischen Weihnachten und Neujahr vor etwa zwei Jahren hast du dich auf mich gelegt und ich hab dich gelassen. Es war der Moment, in dem ich meinen Frieden mit dir fand, so wie du deinen mit mir schon lange gefunden hattest. Wahrscheinlich weil du instinktiv spürtest, dass wir beide uns gleichen – Geschwister im Geiste.

Wir essen gerne, sonnen uns gerne und wollen die meiste Zeit unsere Ruhe. Du hast jetzt deine Ruhe und ich werde gerade ganz unruhig. Da ist noch so viel ungegessenes Futter, so viel ungenutztes Streu, ein leerer Fenstersims in einem leeren Wohnzimmer, das deinen Geruch noch trägt, aber auch der wird bald verwehen. Und wenn ich das nächste Mal in den Rossmann fahre, werde ich nicht mehr bei den Regalen für den Tierbedarf halten.

Du warst doch mein Schreibbuddy, meine Muse. Ich habe geschrieben, du hast geschnurrt. Jetzt ist es so still hier und die Tränen kullern meine Wangen runter.

Oh Boy, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich wegen dir so heulen würde, hätte ich ihn gefragt, wo genau er seine Tassen liegen gelassen hat.

Dabei hätte ich gestern beinahe jemanden wegen dir eine verpasst, weil er meinte, na komm, war doch nur eine Katze, deine Kinder leben ja noch. Wie gerne hätte ich diesem Deppen eine verpasst, so dass er zu Boden geht, um den erstarrten Umstehenden zu sagen, na kommt, da liegt doch nur ein Kabarettist, der Comedian steht ja noch.

Natürlich wäre das übertrieben gewesen und so habe ich es gelassen. Schließlich ist mir bewusst, dass wir meist nur den Schmerz der anderen verstehen, wenn wir ihn selbst erlebt haben. Für den Rest fehlt uns schlicht das Gefühl.

Du hast mich verändert. Ohne etwas Großes gemacht zu haben. Du hast gefressen, gekotzt und gekackt. Wenn wir auf der Couch gelegen sind, hast du dich dazu gekuschelt und dich streicheln lassen. Wenn die Sonne schien, hast du dein Fell von ihr wärmen lassen. Und wenn keiner Daheim war, hast du die Stellung gehalten. Du warst ein Teil von uns und jetzt fehlst du.

Gestern habe ich dir einen Text auf der Bühne gewidmet. Zum Abschied. Denn jetzt ist es raus: ich war dein Fan, auch wenn ich dir viel zu selten applaudiert habe. Ruhe in Frieden, kleine Mimi.

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