Die Zeit am Verbluten

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Im Zöttl in der Nähe des Röcklplatzes um 10.43 Uhr
Sitze in der Bäckerei in der Nähe des Röcklplatzes und malträtiere die Zeit sanft bewusstlos. Mit einer Butterbreze in der Hand lasse ich die Sekunden bis zu meinem 11-Uhr-Termin verstreichen.
Ein alter Mann mit Hut und Brille bestellt einen Crema Grande, einen Rustikus und eine Aprikosenmarmelade. Die Verkäuferin fragt: wie immer also?
Er sagt nein und wiederholt seine Bestellung. Sie sagt, also wie immer. Er sagt, ja, ja, wie immer. Sie sagt, hab doch gefragt wie immer. Er sagt, das habe er schon verstanden, was keinen rechten Sinn ergibt, außer vielleicht, dass schon wieder ein wenig Zeit liebevoll misshandelt wurde.
„Das sind ja Kriminelle, Kriminelle sind das“, ruft ein anderer Mann aus einer Ecke dem alten Mann zu, worauf sich dieser mit Hab und Gut und Rustikus zu ihm gesellt.
Keine Ahnung, worüber sie exakt reden, doch kurz darauf heißt es,
„Die hocken in den Autos und werden abgeholt von ihren Bodyguards. Die steigen net ein, wo es gefährlich wird, in die U-Bahn oder den Bus.“
In erster Linie müsse man an das Opfer denken und nicht an den Täter. Das sei der Fehler der Justiz, sagt der alte Mann mit seinem Crema Grande in der Hand und das ist gar nicht mal so doof. Aber was ist mit dem Richter?
An einem guten Tag verzeihe ich jedem nahezu alles, an einem schlechten eher weniger, denke ich und und schaue der Zeit bis zum Termin beim grazil Verbluten zu. Dann ziehe ich mit flummiballmäßigen Schritten weiter. 

Kleiner Nachtrag: Mein Termin war gar nicht um 11 Uhr, sondern um 16 Uhr. Damit die aber auch nicht recht behalten, hab ich einen neuen Termin um 15 Uhr ausgehandelt. Zu dem mache ich mich jetzt gleich auf. Und: Das Footsie ist vom Gasteig.

Aus der Reihe “Fünf Minuten”. Weitere Beiträge findest du hier